Hand aufs Herz ¶

Wie so oft in letzter Zeit lasse ich mich im Klubsessel in der Ecke nieder, stelle den Gehstock beiseite, überblicke den Raum, der vor mir liegt. Das Morphine beginnt zu wirken, die Schmerzen werden müde allmählich, latent bleiben sie mir wach. Die Gedanken rasen, kreisen um das, was den Raum füllt, um mich, herum. …

Da brennen Kerzen, Schimmerndes im Schummerlicht, ein Aufflackern, ein weiteres, noch eins. Schattenrisse so vertraut wie gespenstisch. Die heimlich kleinen Flammen werfen unheimlich große Schatten. Einer huscht vorbei, so denke ich, meiner. Seit Tagen trägt er die gleichen Klamotten wie ich, wie ich seit Wochen unrasiert. Und seit Jahren war er nicht beim Frisör. Als Silhouette schleicht er, bevor Kontur und Umriss wahrzunehmen sind. Freiwillig abgeschottet von der Außenwelt, von einer Lichtquelle beleuchtet, doch statt dessen Ausleuchtung bleibt bloß ein Profil schwarz übrig. Nur nicht rausgehen, besser drinnen bleiben, eher niemandem begegnen, mit keinem reden, stumme Motte bleiben. Lieber zuhause sein und nirgendwo – als überall und im Spital. Die Krankheit macht mich wunderlich, ich wunder mich schon selbst, schon längst.

Da hängt ein Barockspiegel in der Ecke des Raumes, mir gegenüber. Er zeigt ein Bild von mir, für jeden sichtbar, im bloßen Reflektieren. Früher hat sie mich noch angelächelt, die Spiegelung hat oft gelacht und viel Gelächter hervorgebracht. Da hatte ich auch noch Zähne, nun bald ein Gebiss, da könnt ich wieder zu Lächeln beginnen. Einstige Lachfalten wurden zu Krähenfüßen und so manches Nasenrümpfen wurd‘ zur Nörgelfalte, wie Augenringe zu Tränensäcken. Auch die Grübchen verschwanden, die Graben furchen. Mehr grau, weniger dichter, lichter wurden die Haare auf dem Haupt, aber dem Hutträger zeigt dies der Spiegel nicht. Ich nippe an meinem Schwenker, schlucke tief und atme schwer. Bezeichnend, dass eine meiner Krankheiten eine konsumierende ist. Konsumierend wie ich mein Leben lang – Konsum ohne Kommerz – genossen hab ich es stets. Nun bin ich für sie der zu Konsumierende. Witzig wie sich der Kreis schließt, wie sich das Blatt wendet, ironisch, ich lache laut auf.

Da ist ein Hall im Raum, als wäre es eine Halle so groß. Worte aus der Vergangenheit mucksen auf, ich höre ihnen zu. Sie erzählen mir was von Idealen und Prinzipien, von Manien und Manieren. Meine Geschichte erzählen sie von Verrat und Gleichgültigkeit, das ist mir rhythmisch egal. Tinnitus gibt den Grundtenor vor, den Takt bestimmen die Wörter. Jene, die ich sagte, jene, die mir gesagt wurden, sie hallen nach. Radikale Ehrlichkeit hatte ich mir gelobt, doch diese macht einsam. Alles wird zu Worten bloß im Widerhall; Magie ist ein Wort, Poesie wird zu einem gemacht, Freund ist ein Sprichwort; Neid ein Fremd- und Angst ein Schimpfwort. Nur die Lieb wird etymologisch noch gelebt, zu was ich fähig bin. Das Echo jener Worte verfolgt mich jahrelang in meinen Gedanken, auf Trips des Unterbewussten und Abstecher ins Unbewusste; Widerschall. Und wieder Rauch. Ich zünde eine selbstgedrehte Zigarette an, die Lunge rasselt, ich speie Qualm spielend.

Da sind Schwaden im Raum. Draußen wird es Früh, der Tau reift, die Nebel schwinden nachgerade. Drinnen bei mir sehe ich Gebilde aus Wrasen, die mich begleiten, wie Wolken, die sich zu Gestalten entfalten. Wie Energie, wie meine Kraft, die plötzlich da ist und Schönes zeigt, wenn man es denn sieht – und wenn nicht; kaum kurz weg geschaut, lösen sie sich auf, wieder unauffind- und unsichtbar, diese Rauchzeichen, diese Kraftwunder und immer wieder diese Konzentrationen. Doch sie waren da! Ihr Duft bleibt mir verwehrt, wie etwas riecht, wonach es stinkt, weiß ich nicht, mein Riechorgan so kaputt wie mein Augenlicht perfekt. Doch ich hab sie gesehen! Um mich herum – und wo Rauch ist, da war mal Feuer o ja!  – Weil Vergänglichkeit ein Indiz für vorangehende Qualität ist und eben nicht für vorherrschende Kurzlebigkeit. So, wie ein Traum einen Hinweis auf einen Träumenden bietet.

Da sind Erinnerungen an Träume. Meinen habe ich gelebt, ein Traumleben geführt und einen Traum von einer Frau geheiratet; unfassbar, kaum real wie verschwommen auf Drogen im Rausch oder in Spähren der Epilepsie; die Grenzen, sie fließen – doch ich weiß; es war kein Traum! Zwischen unvergessen und unvergesslich träume ich demütig das Leben weiter voran: Dass ich nun seit mehr als zwei Jahren über der ärztlich-diagnostizierten Lebenserwartung immer noch – den Umständen entsprechend zeitweise sogar genussvoll – lebe, befremdet mich. Fühle mich wie ein Echo meiner selbst, ein Schatten von Früher, eine Stimme von Damals, eine Schwade, die zäh hängen bleibt.

Da stehen viele Wünsche im Raum, gerne begänne ich neu, aber dann würd‘ ich alles vergessen und all dies entfiele mir alsbald. Doch an uns, unsere Gespräche, unser geliebtes Leben und unsere gelebte Liebe will ich mich stet erinnern, als Schwade; wenn ich mal gänzlich Echo bin, Hall, mal ein Blinzeln, ein Funkeln, in den Augen ein Zwinkern oder im Gesicht ein Lächeln vielleicht, auch als Zucken, manchmal Jucken oder als Schatten, dem ständigen Begleiter; in der Flüchtigkeit werd‘ ich dich ewig besuchen, im Flüchtigen findest du mich immer.

Das Morphine lässt mich schlafen, wandeln und schlafen. Wie ich ins Bett kam, weiß ich meist nie, doch dass die Schmerzen mich wohl schon bald wieder wecken und necken. Dann werde ich mich abermals in den Klubsessel setzen und schreiben, schreiben und träumen, von Träumen schreiben, von Träumenden, von uns. Für zukünftige Erinnerungen. Denn das endgültige Vergessen gibt mir dann – irgendwann – noch früh genug den Rest. In Peace. ¶

(Drum lass mich schreiben, morgen, lass mich schreiben; ich werde schreiben, du wirst schon lesehen..!)

  1. Entzaubernd, nicht enttäuschend, wirkt dieser Text auf mich, in poetischer Stimmung strotzend 💪auch trotzend gegen des Drama und ehrlich dem Leben bzw. dem Tod gegen-über. Kraft wünscht man Dir bzw. dem Ich-Erzähler, Kraft und weiterhin Magie! LG, E.A. 💖

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