Fensterbankpöbler und Leserbriefnörgler ¶

#Mitternachgedacht über Fensterbankpöbler und Leserbriefnörgler ¶


In Leserbriefen und Kommentaren spiegelt sich der Geist einer Gesellschaft wider, in Gesprächen und Diskussionen der Esprit einer Haltung. Unabhängig von der eigenen Meinung. Ob man jedoch eine Meinung hat oder vertritt, eine eigene oder eine ganz andere, eine abweichende oder gegensätzliche, eine unterschiedliche oder bloß eine verschiedene, hängt davon ab, ob man seine Meinung lieber doch ganz für sich hinterm Berg behält, sie unterdrückt oder sich zu einer bekennt und sie teilt. Wer keine Meinung hat, aber eine will, kann andere Meinungen austauschen, eine Zweitmeinung einholen oder sich eine eigene aneignend bilden: Eine Meinung besteht aus einem Vorurteil, dem gefährlichen Halbwissen und einem angestachelten Selbstbewusstsein, meist aus der Überzeugung, als Einziger die Wahrheit über Dies und Jenes und Alles und Jederzeit zu kennen, ohne richtig darüber nachgeschwiegen zu haben, ähnlich eines Meinungsreflexes. Dieser wird stimuliert von Meinungsschleudern, die entstanden, weil der sogenannte Leser seine sogenannt eigene Meinung in sogenannt sozialen Meinungsblättern abgedruckt sehen wollte, die von Meinungsmachern gedruckt wurden, die ihre eigene Meinungen als Meinung der Masse, des Volkes darstellen und als Journalismus verkaufen. Bild Dir Deine Meinung mal nur nicht ein!
Auch die in sozialen Nutzwerken mitgeteilten Meinungen von dahergelaufenen Dorftrumpeln, die durch ihre merkwürdigen Ansichten, fragwürdigen Standpunkten und verabscheuungswürdigen Perspektiven ungeteilte Aufmerksamkeit bekommen, lassen die Massen rasch eine vorgefasste Meinung entwickeln. Diese herrscht dann erst mal vor, man kann sie ja wieder ändern. Und egal, auf welcher Seite man steht, seine Meinung dazu oder eben dagegen muss man stets sofort und auch gleich öffentlich proklamieren, sich dazu bekennen, oder eben sich davon distanzieren; Solidarität für die Sache oder ihr Gegenteil zeigen. Wie Kleinbürger oder YouTube-Hater, FaceBook-Shitstormer oder TwitterTroll-Stalker. So entwickelt sich eine Schwarmgesinnung, bei der aufgeschrien, wiederholt, geteilt, geliked, gefavt, angeprangert, hochgehalten, lächerlich- oder niedergemacht, boykottiert, gemobbt, geblockt, getrendet, verlinkt, geklickt, besternt, beherzt, bejaht und vor allem wiederholt in Umlauf gebracht wird; wie aus bildhaft-boulevardesken Schleudern. Solche, meist unüberlegten Meinungen werden  – dank ihrer plumpen Ausdrucksweise, mithilfe der Brutalität ihrer Vereinfachung, anhand der idiotensicheren Verallgemeinerung und der Macht der damit verbundenen Quantität – gelesen; von Abgestumpften, die nicht mehr als acht Wörter pro Satz lesen, als auch von jenen, die sich eine Meinung bilden wollen, deren Meinung dann schnell massenhaft vergiftet wird und sich wie die Pest verbreitet. So unüberlegt und daher gesagt sie auch sei, gewesen oder gemeint sein mag, wird sie durch den latenten Meinungstropfen vielleicht auch irgendwann zu einem Herdentrieb, einem Massengeschmack, zu einem Kollektivumgangston, der die Musik macht, deren Melodie zu einer allgemein gültigen, absolut herrschenden Meinung spielt. Mit Provokation, Populismus und Primitivität wird daraus vielleicht auch eine führende Partei vieler, ungefragter Meinungssager…
Also alles wie früher, als der Fensterbankpöbler mit dem Leserbriefnörgler verschmolz und seine Meinungsmacht in der freien Marktwirtschaft als Instrument des kleinen Mannes von der Straße einsetzte, um sich hervorzutun und seine freie, nicht konforme – sofern er denn eine hatte – Meinung kund zu tun, seine Weltverbesserungsvorschläge einer breiteren Öffentlichkeit, wenn auch in einer kleinen Spalte einer kleineren Sparte einer noch kleineren Dorfzeitung, wie ein winziger Floh ins öffentliche Ohr zu setzen. Geschichte wiederholt sich eben in größeren Dimensionen; da sind wir doch sicher meiner Einung!

¶In diesem Sinne:
Als Liebhaber von echter Haltung, geistreichen Kommentaren und überlegten Kritiken, von konstruktiven Einwendungen und kreativen Einsendungen sogar und als Verfechter des Wortes ganz klar, bin ich dankbar froh, in einer Landschaft zu leben, in der ich innerhalb des Rahmens des gesunden Menschenverstandes und der Umgangsformen sagen kann und darf, was und wem ich will. Es ist nicht nur mein gutes Recht, aber es ist ein gutes Recht; das Recht auf freie Meinungsäußerung!
Aber doch wohl keine Pflicht…

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