*werfeln

#Mitternachgedacht über den alten Werfel,

über Franz Viktor Werfel, der in diesem Jahr 130 Jahre alt wurde, doch schon seit 75 Jahren tot, doch nicht tot zu kriegen ist, dieses „Feuermaul“, den damaligen geistigen Führer; über den Werfelismus, wie man etwas verwerflich zu spotten pflegt; eine Form des gesellschaftlichen Lebens, bei der man sich als Künstler, noch besser als arriviertes Künstlerpaar, mit vielen anderen Künstlern & Emigranten anfreundet, sie um sich schart, moralisch korrekt, ob dafür oder zuwider, als Polarisierung von sich reden lässt von Prag bis Hollywood… schließlich handelt es sich bei einem ‚Werfel‘ wortwörtlich um eine alte Variante des Wortes ‚Wirbel‘.

— und das konnte er wie niemand sonst; werfeln!

*ménage-à-trois

#Mitternachgedacht über die Dreifaltigkeiten der Schriftstellerei

{ ob Autor, Erzähler & Protagonist, die mitunter nichts gemein haben, aber immer verwechselt werden — ob Ehefrau, Muse & Mäzenin, die zuweilen sogar vermögen, dieselben zu sein, aber es nicht zwingend sein müssen — ob Lesende, Verlegende & Kritisierende, die selten einer Meinung sind, noch seltener meiner Meinung, doch bestenfalls schon — ob Wahrheit, Dichtung & Lüge, die allesamt trotzdem irgendwie autobiographisch sind; — weil stets alle Drei in Einem stet vereint }

und an die beständige Treue [zu] dieser Trinität.

Tria juncta in Uno

*laurentius weint!

#Mitternachgedacht an die Perseiden am Nachthimmel

{ jede Schnuppe seiner ist eine seiner Tränen, Laurentius! – sie kullern am Himmel jährlich, manche werden zu Feuerkugeln, die der Venus Konkurrenz machen, Laurentius! – andere schnuppen vor sich her, manchmal sieht man die Wünsche der Menschen sogar, Laurentius! – Viele wollen Frieden, für sich und die Welt, andere wünschen sich bei 100 Meteoren pro Stunde gleich hundertmal etwas anderes, Laurentius! – ich habe bei meiner jetzigen Gattin in der Nacht dieses Sternenregens, bei Vollmond im August, um die Verlobung gebeten, kein Jahr später waren wir vermählt – Laurentius! }

und was wünschst Du so?

 

*pietät

#Mitternachgedacht eingeklemmt zwischen Gestern, als der Hafen in Beirut detonierte …

{ als ich heute morgen von der massiven Explosion gefolgt von einem Pilz erfuhr, hintersann ich mich; doch statt zu fragen, welche Verschwörungstheorie dahinter stecken möge, welche Drahtzieher & wieso; schwieg ich, wurde stumm und pietätvoll still, ich dachte nicht an die Schuldigen, sondern an die Unschuldigen; daran, wie mit einem Mal ein Ehemann zum Witwer werden kann, ich gedachte der Toten, die morgens noch Mütter & Enkel waren, dachte an die Angehörigen, die von ihrem Verlust erfuhren, ihre Trauer, an die 300’000 Libanesen, die von einer Sekunde auf die nächste ihr Obdach verloren, ihre Verzweiflung, an die Verletzten, die schmerzhaft ihre Kinder suchten, ihre Schreie; da konnte ich doch nur schweigen — den ganzen Tag und morgen? auch }

… und Morgen, als vor 75 Jahren die Atombombe auf Hiroshima abgeworfen wurde