schalttäglich ¶

Meine Weckeruhr ist tatsächlich stehengeblieben, jedoch schon vor vier Jahren, am 29.Februar um 21Uhr27. Da es eine aufziehbare Uhr mit Datumsangabe ist, handle es sich bestimmt um eine Reaktion in der Mechanik auf den Schalttag, wie ich vermutete; und nannte sie fortan ‚Schaltuhr‘. Doch auch einen Tag später ließ sie sich nicht mehr dazu bewegen, sich zu regen. Jeden Tag versuchte ich es erst, sie aufzuziehen. Dann liess ich es und erwachte täglich mit dem Blick auf das heutige Datum, mit der täglichen Erinnerung an mein Versagen, mit der tagtäglichen Gewissheit, dass heute wie gestern wie vor vier Jahren ist.

Ja, der Tag war lang, fünfunddreissigtausendundneununddreissig Stunden lang, dauert noch bräsige dreitausendsechshundert Sekunden und jedes Nu verrinnt tetragonal bis diese Zeitreise hier und anno dato ihre Ankunft findet, indem ich die Zeit weiterfliessen lasse, ohne sie zu manipulieren, an ihr herum zu fingern, kein Pfuschen, nein.

Damit ich weder Zeiger noch Datum bewegen oder berühren muss, warte ich, wie ich seit tausendvierhundertneunundfünfzigundnochmehr Tagen warte, bis mein vierjähriger Ersatzwecker heute um exakt 21Uhr27 klingeln und somit seinen Ruhe-zu-stand antreten wird. Dann werde ich sie nämlich aufziehen, meine alte Schaltuhr, meine neue Zeitschaltuhr – wie ich sie ab morgen nennen werde – ich werde sie einfach so – mir nichts, ihr nichts – weiterticken lassen, damit sie zeit- und nahtlos wieder umher unruhen und gleich auch zur Stunde, auf die Sekunde, im Takt und Sturm über die Datumsgrenze zur Mitternacht hinweg zeitreisen kann; ich werde mit Uhrmachers Feingespür und meinen Fingerspitzen einen Kreis zur Spirale reißen oder eine Spirale zum Kreise pressen: Darauf habe ich gewartet! Aufgezogen im richtigen Moment wird sie wieder alles richten und in geregelten Strömen, Schlaufen, Schleifchen, Bändchen oder Strängen fliessen lassen, als wäre nichts geschehen, als gäbe es keine vier Jahre dazwischen, als sei alles wie damals oder immer, als wäre gestern einfach der Achtundzwanzigste gewesen und morgen wird der Frühling sein.

In diesem Sinne:

Der Möbiusschleife Anfang finden, umdrehen und fortlaufen.

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