Offener Brief an Duweisstschonwer ¶

Lieber NSA-, SED- und BND-Mitarbeiter, lieber Fichen-Verwalter,
Liebe StaatsTrojaner, liebe BundesSpyware, liebe NationalMalware,
Lieber heimlicher Spitzel, namenloser Blockwart und anonymer Schnüffler,

ich weiss, dass Du Dich sehr für mich interessierst, jedoch entgeht es meiner Kenntnis, weshalb. Du kennst mich von einer Seite, die ausser meiner Ehefrau nur Du kennst. Du suchst nach mir im weltweiten Web und zwischen dem Netz; Du googelst und youtubest mich und followst mir; Du gibst vor, mein Freund zu sein, um meine virtuellen Aktivitäten im Auge zu behalten. Du abonnierst meine Postings und Du RSS-feedest meinen Blog. Du liest meine Tweets, meine Notizen, Anekdoten und meine Links. Du kennst meine IPs und Favs; Du weisst, wohin ich mit meinem DSL-Brett surfe, wieoft ich im Secondlife der Realität entfliehe und auch, auf welche Spielereien ich abfahre. Du liest meine öffentlichen und geheimen Dateien, meine Emails, privaten Nachrichten und DMs; Du weisst, welche Nachrichten mich interessieren und aus welchen Quellen ich mein Wissen schöpfe. Du kennst meinen Rechner besser als ich, mein PC ist Dein Zuhause, mein Laptop ist Dein Wohnmobil und schliesslich sind auch schon meine Handies bereits längst in Deinen Händchen. Es ist Dir deshalb auch nicht verborgen geblieben, dass ich oft „Falsch-Verbunden“-Anrufe erhalte.
– Sag mal: Warst Du das?

Dir ist es bewusst, dass ich als einsamer Wolf gelte, in Wahrheit aber eine Rudelratte bin. Dir ist nicht entgangen, dass ich auch im realen Leben zu Demonstrationen gehe, an Flashmobs teilnahm und im argentinischen Theaterstil improvisiere. Du hast auch nicht vergessen, dass ich in den Neunziger Jahren des letzten Jahrtausends den Briefkontakt mit inhaftierten RAF-Häftlingen in Deutschland pflegte, „Das Kapital“ und andere einschlägige Literatur las und nie den Militärdienst besuchte. Du erinnerst Dich sogar, dass ich einmal eine JUSO-Sektion gründete und für diese sogar kandidierte. Natürlich kennst Du auch all die zwielichtigen Kontakte, die ich Freunde, Kollegen und Bekannte nenne. Du weisst, dass ich im Besitz von Währungen bin, die man nicht ausser Landes führen dürfte. Du bist Dir auch ganz sicher, dass ich auch mal schwarzfahre und vor Kurzem dabei erwischt wurde, dafür einsass.
– Sag mal: Warst Du das?

Du kennst meine Einkaufsliste und Du weisst, dass ich auf Bio- und Fairtrade-Produkte stehe, mir auch mal einen koscheren Traubensaft leiste oder vegan einkaufe. Du kennst meine Vorliebe zum Rotwein der Fremdenlegion und auch, dass ich RedBull nur trinke, weil auf der Dose kein Warnhinweis zu finden ist. Du bist Dir auch im Klaren, dass ich mir die Haare färbe und weisst aus sicherer Quelle, dass ich mich nach jedem Vollbad mit einer Körperlotion einreibe. Du hast Kenntnis über meinen Giftschrank; dass mein Medizinschrank zum Bersten vollgestopft wie meine Bibliothek ist und Du kennst meine Sammlung von signierten Erstausgaben. Du weisst, dass ich ein Bibliophiler bin. So bist Du auch orientiert darüber, dass ich früher ein echter HipHopper und später Punk war. Du weisst, dass ich eine Radiosendung bei einem freien Sender moderierte und auch, dass ich und die Sendung zensiert wurde.
– Sag mal: Warst Du das?

Du hast herausgefunden, dass ich anscheinender Rauchfetischist, Stimulus-Freund, Hedonist und Connaisseur bin; hast mich erkannt, entlarvt und enttarnt. Du hast Dich darüber informiert, wie gerne ich geniesse. Aber Du weisst natürlich auch, dass ich dies nur selten kann. Du hast sogar herausgefunden, weshalb. Und auch über meine manisch-depressive Phil-Misanthropie bist Du in Kenntnis gesetzt worden. Du weisst schon viel von mir und über mich, ich weiss. Du begleitest mich ja schon lange, wie all Deine Freunde. Du gehst mit mir einher auf Schritt und Tritt, auf Klick und Pick. Natürlich bist Du auch im Wissen darüber, dass ich weiss, dass Du mich ausspionierst. Du bist Dir im Klaren, dass ich paranoid bin und unter Verfolgungswahn leide.
– Sag mal:
Warst Du das?

Jedenfalls weisst Du demnach auch über alle ICD-10-Nummern Bescheid, die mich betreffen, sowie Dir bewusst ist, welche psychischen Erkrankungen, die ein medizinisch-exzentrischer Poet, der seinen Hut nicht ablegen will und in der dritten Person von sich selbst berichtet, mit sich bringt. Du kennst Dich auch in meiner somatischen Situation aus; Du kennst die Krankheit, weisst genau, wie ich mich fühle Tag für Tag. Du weisst, wie ich mich zu Tode quäle, wie ich still leide und gepeinigt durchs Leben gehe, obschon ich kaum öffentlich darüber spreche. Ja, Du hast sogar ermittelt, dass es schwierig ist mit meiner Gesundheit und mir auf dem Pfad der Genesung oftmals Steine in den Weg gelegt werden.
– Sag mal:  Warst Du das?

Du hast erfahren, wie es ist, mich zu sein. Du hast mich erörtert, aufgespürt und ausgemacht. Du scheinst sogar mein Innerstes zu kennen, meine Gefühle und Geheimnisse zu enthüllen und meine Gedanken zu lesen. Du weisst, dass ich Dich gerne fragen würde, wie es trotz des Lauschens, Beobachtens und des Beschattens zu Deinen falschen Schlussfolgerungen kommen kann. Und ob Du es nicht – wie ich – infam findest, jemanden, den Du so gut kennst, der Dir so nahe steht und Dir tagtäglich Deine Arbeitsstelle sichert, hinterrücks auszuspionieren. Und auch, wie es mit uns soweit kommen konnte, mein Freund.
– Sag mal:
Urteilst Du über mich?

In diesem Sinne:

6 Antworten auf “Offener Brief an Duweisstschonwer ¶”

  1. Sehr treffend! Mir fehlt nur die 4-fach-Gefiel-mir-Taste.

    Hoppla, kannst Du das löschen? Nicht, dass ich mich verdächtig mache, wenn ich mit Dir kommuni… na Du weißt schon… ;)

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