*Table, Editable, Edible Book Day:

#Mitternachgedacht zum Edible Book Day ⁰¹’⁰⁴’²⁰²², an essbare Lektüren zum Verschlingen & über Literatur als Lebensmittel.Punkt

Alphabeten wie wir wissen, dass Wortliebe buchstäblich durch den Magen geht; nimmersatt fressen wir uns durch Lesestoff, knabbern verbissen drauf rum, haben manchmal zu nagen dran, doch verdauen dann die ganze Geschichte. Wir verzehren uns nach dem nächsten Buch, verschlingen jedes Kapitel, vernaschen Lektüren wie Konfekt, kostbare Bibliotheken köstlicher Literaturen werden einverleibt von uns Büchernärrinnen; wir nähren unseren bibliophilen Appetit & stillen ihn genüsslich beim Brunch mit einer Schriftstellerin, Lunch mit einem Dichter & Dinner mit einer Leiche. – Daher gehört der „Edible Book Day/Tag des essbaren Buches“ unter eingeschworenen WortliebhaberInnen auch untrennbar zu uns FastFoodPoeten, Gedichte-Gourmets, Backbücherwürmer, Kochrezeptleseratten & 1.Aprilscherz-Dadaisten…

#Mitternachgedacht über das Mondjahr & an den nassen Tiger…

zwischen schnee- und taumond feiert das land des lächelns neujahr an neumond; nach chinesischer astrologie ist das mondjahr des tigers angebrochen, der laut volksglauben seinen tierkreis-jahrgängen (1938, 1950, 1962, 1974, 1986, 1998, 2010, 2022, +12) leibliche eigenschaften wie mut, unberechenbarkeit & selbstvertauen verleihen soll; sinophilosophisch wird zudem das zu diesem jahr gehörige element wasser mit weisheit, unbeständigkeit & flexibilität assoziiert. da sich diese wasser-tiger-kombination zuletzt vor 60 jahren ereignete & zum nächsten mal 2082 stattfinden wird, erfreu ich mich nun zum ersten & letzten mal am einzigen nasse-mieze-jahr meines lebens.

#Mitternachgedacht in der Woche 1

das erste stückelchen dieses annus mirabilis ist angebrochen, das wunderliche jahr, in welchem man vielleicht freundschaften, zwei, drei sinne, einsichten, beinahe wieder vertrauen oder die liebe gewinnt, in welchem womöglich familienzuwächse, zuversichten oder ideen durch taten geboren werden & liebes kunde weit verbreitet, berechtigungen zuteil oder weiter verteilt werden; es verpestet auch noch die cholera nid mehr; das jahr, in dem sich all das erneuern, alles verbessern, all dies voraus & laufen wird; alles, was ich von diesem jahr nun erwarte, ist nur, dass es selbst schon bald beginnen wird…

moin 2022!

#Mitternachgedacht in der Woche 52

das letzte bitzelchen dieses annus horribilis ist angebrochen, das horrende jahr, in welchem man vielleicht freundschaften, ein, zwei körperteile, perspektiven, beinahe den verstand oder die sprache verlor, in welchem womöglich familienanhang, hoffnungen oder worte auf den lippen starben & hiobs botschaften grosszügig überreicht, ungerechtigkeiten zuhauf verteilt oder eingesteckt wurden; es grassierte auch noch die pest no immer; das jahr, in dem sich all das veränderte, alles verschlechterte, all dies dahin & verging; alles, was ich von diesem jahr noch erwarte, ist nur, dass es selbst schon bald vergangen sein wird…

tschüss 2021!

#Mitternachgedacht ans Julöl

an rauhnachts schlummertrunk, maibocks weihnachtliches äquivalent zum julfest, winters dämmerschoppen & über den umtrunk zur sonnenwende, ans traditionell zum mittwinter gebraute ‚Julöl‘, das starkbier aus dem norden, nach belgischer art hergestellt, welche das deutsche reinheitsgebot mit winterlichen, oft auch aphrodisierenden gewürzen erweitert; das bernsteinfarbene ‚Weihnachtsamber‘ schmeckt beim antrunk gezimtet oder mit kardamom-prise dank hoher stammwürze malzsüffig statt hopfig & eher süßlich, in bitterkeit zurückhaltend birgt das ‚Festbock‘ die liebliche herbe von rosinen, pflaumen, feigen oder birnen im kopf, einen kräftigen hauch nussiger toast-aromen als rumpf, einen vollmundigen körper mit dezenten noten von tannenspitzen am gaumen & charakteristischen abgang karamellisierten ahornsirups & wärmenden alkohols, weswegen der ‚Winterwärmer‘ nicht nur die kehle runter rinnt wie öl, sondern auch in den kopf steigt wie sau…

Feuchtfröhliche Festtage, werte Leserschaft!

#Mitternachgedacht an Chäsfongdü [Käsefondue]

direkt auf dem traditionsgemäß runden tisch blubbert auf dem rechaud über offener flamme die geheime fromage-mélange, weissweinverdünnt & knobl auch gepeppert; rundum eine garnitur cornichons, champignons, gemischte pickels, kölblein aus mais & zwiebelchen aus silber, doch erst im caquelon aus keramik werden die regionalen käsesorten zum eigentlichen „Fondue“, zum „Geschmolzenen“. sogleich werden gebröckelte brotstücke mit kruste gereicht, welche man behutsam aufs einzige besteck, eine langgabel steckt, kurz ins obstbrandglas tunkt, dann rührend in den zerlassenen, heissen käse taucht… dies alpine nationalgericht wird nicht selten zu einem abend-füllenden genuss, auf den so mancher wanst ein loblied jodelt auf das immaterielle kulturerbe als leibspeise…

…so, wie ich hier gerade.

#Mitternachgedacht übers O wie mikron

die einem ring gleichende, sich schliessende, ebene kurve, die zwar einen kreis bildet, doch keine null ist, sondern ein buchstabe mit migrationshintergrund: bereits die alten ägypter kannten das ‚auge‘ als hierøglyphe, woraus das 3500 jahre alte sinaitische schriftzeichen ⊙ entstand, welches erst die hebräer ‚aעin‘, dann die phœnizier ‚aJin‘, später die araber ‚ain‘ nannten. diesen semitischen konsonanten teilten die griechen auf in ein mikriges o, dem ‚ò mikrón‘ & dem daraus erfolgten mega Oh, dem ‚Õ méga‘ — über die etruskische schrift wurden sie schliesslich zum großen & kleinen lateinischen vokal ‚O‘ simplifiziert

und an seine neuzeitliche Kröōôőnung durch Corona.