"Aficionado mit Fluchtsalat" ¶ Stillleben © Wortlieb Martin

So war es — Fue así: »

Hundsgetriebene Tage wie diese, wie in Hemingways Fiesta – the sun also rises oder wie wir uns in Havanna bei über 104° Fahrenheit gegenseitig entfachten; unverhofft aufeinander trafen ausgerechnet auf Kuba – ich mit meinem Panama, du in Begleitung deiner Leidenschaft – in einer Bar, die uns mit Rumba und bunten Lichtquellen statt Leuchtstoffen versprach, die Glut zu vertreiben. Sie lockte uns an wie Hitzeopfer oder Kühlungsmotten; der Motor des Ventilators an der Decke wärmte mit jeder seiner Umdrehung den Raum noch mehr auf, von seinen Flügeln triefte Kondenswasser, die Luftfeuchtigkeit lag hoch bei der schwülen Brut. In der Ecke rasselte ein Kühlschrank mit geöffneten Türen, vier Touristen standen davor, die Barkeeper kleideten sich wie die Gäste meist bloß in Unterhemden und Bermudas. Man schwitzte kaum, doch es befanden sich Kristallperlen aus purem Salz auf unserer Haut, kein Wässerchen drang durch die Poren; höchstens frischer Schweiß, wenn man gerade einen Son Cubano tanzte, eine glühende Cohiba hinlegte oder sich zwischen drei, zwei einheimischen Cubanitos befand.

Wir aßen reichlich Obst und tranken fleißig wie bei jeder Erregung der Temperatur, viel Saures und Bitteres, Crema & Aqua de Vida, Wassermelonen gefüllt mit Porto e Jerez, Trauben und Kirschen, Blutorangen in unschätzbaren Cocktails. Aus allen Drinks pultest du die Früchte heraus, hast sie in einem Schälchen auf dem Tisch gesammelt und es spätabends „Deinen Fluchtsalat“ genannt. Zwischen den Mojitos erzähltest du mir von deiner Wanderlust und du hast mich über meine Heimat ausgefragt. Wir kokettierten ein wenig; in deiner Sprache heißt es „La Luna“, „El Sol“ und in meiner eben „Der Mond“, „Die Sonne“, das war Grund zum Anlass. Dann kamen einige El Presidentes vorbei, wir tequillierten auch, leckten gegenseitig das Salz von unserer Hülle ab und lenkten uns von dieser Hölle ab, wir küssten & umschlangen uns später tanzend, bis wir aneinander klebten, von der Sonne verschmolzen, verbunden durch unser Perlensalz, in voller Glut zusammengeschweißt. Es musste wohl die Hitze gewesen sein, die unsere Gedanken erklomm; sie schwärmten aus, wärmten uns auf, heizten unsere Temperamente an und brannten sich uns ein wie die Sonne. Ein kleiner Kubanischer Kahlkopf wünschte uns noch eine gute Reise, dann brannten wir durch, zusammen heckten wir einen Fluchtplansalat aus, wie du sagtest und wir gingen, gaben deinem Fernweh nach und nach verschwamm alles; wir schwammen im Meer am Strand, der Küste entlang im Sand, stellten uns in den Schatten an die Wand und dann wieder in den Wind, hüllten uns in kühl-schmunzelnde Watten; wir tollten uns in Wannen, ließen uns brutzeln unter Palmen und der sengenden Kugel, Du hast Würfel im Hemdausschnitt keck versenkt und mir kess mit Deinem Röckchen Luft zugefächelt; du zogst deine Schuhe aus und wir badeten unsere Füsse am Fusse des Flusses Rio Yumuri. Alles, was uns Eis verhieß, war uns heilig, doch alles war uns heiß, vor allem wir uns, mutual; oder wie es hier hieß „A candela brava no hay carapacho duro“„Gegen besonders wildes Feuer kommt man nicht an“.

Ein Sturzregen platzte jäh mit großen Tropfen, doch nur kurz, warm und zäh, das war bestimmt zwei Tage später ja, es war schon August, bei über 4Zick Grad plus, während einer Siesta gar, du lagst halb auf mir, leicht dösend, ganz bar, ohne klare Ahnung wo ich war, doch du bliebst da, alles schien perfekt. Doch ein Bums durch die offenen Balkontüren weckte mich ruck-Zuck. Das Knallen eines Auspuffrohrs auf dem Plaza davor, noch ein PaffPuff danach, ein Zack hinterher, ließ mich kurzerhand in Melancholie verfallen. In den feurigen Armen Havannas, inmitten der karibischen Folklore, dachte ich nostalgisch zurück an Helvetia, ausgerechnet ans August-Feuerwerk zum Feiertag, oben in den kalten Alpen und in den herben Bergen, ans Völkchen zuhaus. Das Geknalle weckte mich abermals auf, diesmal jedoch erschien es mir als Weckruf, als Wegweiser, als Weg-Weiser — so auch du erwachtest: „Wo willst du hin?“ — ; allein die feuchtwarme Witterung zog mich weg, raus so wie der Vorhang aus dem Zimmer flatterte, wehend wie die Fahnen. Mit noch immer einem Schimmer der Stimmen der Ahnen der letzten Tage hörte ich eine flüstern; „Sehnsucht plagt, Heimweh nagt, geh geschwind auf den Heimweg, verschwind!“, eine andere gebot: „Aber nimm sie mit!“

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