Als der mittlerweile auch noch erblindete Heine in der Stunde seines Todes hörte, wie seine Gattin Mathilde am Boden neben eben dieser Matratzengruft auf den Knien betete, Gott möge ihm verzeihen, unterbrach er sie: „Zweifle nicht daran, meine Liebe, er wird mir verzeihen. Das ist sein Geschäft!“ – Seine letzten Worte.
Rückschau
Ich habe gerochen alle Gerüche / In dieser holden Erdenküche; Was man genießen kann in der Welt / Das hab ich genossen wie je ein Held! Hab` Kaffee getrunken, hab` Kuchen gegessen / Hab` manche schöne Puppe besessen; Trug seid`ne Westen, den feinsten Frack / Mir klingelten auch Dukaten im Sack. Wie Gellert ritt ich auf hohem Ross / Ich hatte ein Haus, ich hatte ein Schloss. Ich lag auf der grünen Wiese des Glücks / Die Sonne grüßte goldigsten Blicks; Ein Lorbeerkranz umschloss die Stirn / Er duftete Träume mir ins Gehirn, Träume von Rosen und ewigem Mai / Es ward mir so selig zu Sinne dabei, So dämmersüchtig, so sterbefaul / Mir flogen gebrat`ne Tauben ins Maul, Und Englein kamen, und aus den Taschen / Sie zogen hervor Champagnerflaschen Das waren Visionen, Seifenblasen / Sie platzten - Jetzt lieg` ich auf feuchtem Rasen, Die Glieder sind mir rheumatisch gelähmt / Und meine Seele ist tief beschämt. Ach jede Lust, ach jeden Genuss / Hab ich erkauft durch herben Verdruss; Ich ward getränkt mit Bitternissen / Und grausam von den Wanzen gebissen; Ich ward bedrängt von schwarzen Sorgen / Ich musste lügen, ich musste borgen Bei reichen Buben und alten Vetteln / Ich glaube sogar, ich musste betteln. Jetzt bin ich müd` vom Rennen und Laufen / Jetzt will ich mich im Grabe verschnaufen. Lebt wohl! Dort oben, ihr christlichen Brüder / Ja, das versteht sich, dort seh`n wir uns wieder.
Heinrich Heine
1851
#Epilog:
Die Matratzengruft verändert Menschen. Man hat viel Zeit, um nachzudenken, klar zu werden, auch zum Sühnen, Grämen, Läutern, Träumen. Das kenne ich nur zu gut; da hilft es, schreiben zu können. Mir jedoch war es in meiner letzten, bettlägrigen Zeit in der Matratzengruft vergönnt, zu schreiben, nicht einmal konnte ich jemandem etwas diktieren; wie Heinrich dies tat. Man verzeihe mir. Auch die alltäglichen Versuche, dem Bettgefessel zu entfliehen, scheiterten meist kläglich. Die Kraft reichte gerade noch für eine gewisse Konzentration zum Lesen, lesen ging. So habe ich meinen Heine wiederbelebt und wer weiss; vielleicht er auch mich…


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