Aus Liebe zum gepflegten Wort.


» Ulysses ist nicht bloss als Opus zu begreifen, sondern muss als Oper verstanden werden.

In Klängen, Geräuschen und onomatopoetischen Melodien bespielt Joyce die Klaviatur der Schreibmaschine, presst Buchstaben zu Noten, tippt im Takt, musiziert mit Worten und erschuf so minder einen Roman, vielmehr eine Literatur-Oper. «

  • Wortlieb Martin

Joyces Wahl

Die Szene am Morgen in der Eccles Street No.7 fixiert das Drama des Tages textlich und dient bereits als Rezitativ. Der Geruch von Tee, Toast, Molly oben, Boylan im Kopf und ein summend Lied im Ohr. Mozarts großes Duett „Là ci darem la mano“ ist Teil des Repertoires für Mollys bevorstehende Tournee. Und Boylan kommt zu ihr zur Probe oder zur „Probe“ … Der Begriff „Probe“ mutiert in Blooms Geist zum geißelnden Euphemismus für den Ehebruch nach Ansage, heute um 16 Uhr. Dieses Wort wird jedes mal dramatisierend vom Chor im Crescendo untermalt: „Proben“, Vier Uhr, 4 pm, four o’clock, tick tock. Ein Uhrenschlag, der schon früh am Tag zu fticken beginnt.

Mozart peinigt Bloom

Ein Foltermotiv, das sich festbeißt. Das Bühnenbild wandelt, Bloom wandert: Dublin rauscht, Pferdehufe wie Gewiehieher, signalhornende Hafenluft, es windet „Pprrpffrrppfff“, Stimmen brummen wie Kontrabässe und sehnende Streicher geigen immer wieder dieses „Vorrei e non vorrei“, dieses Wollen und doch nicht, dieses Zögern, das keines ist. Im Klangteppich tritt Boylan auf, der geile Don, Molly als schwächelnde Zerlina, und Bloom, oh der arme Poldy, gepeinigter Zuschauer im eigenen Kopfkino. Jeder Klang, der nur entfernt nach Mozart angestimmt wird, quält den Helden zunehmend, wird zur steten Bestrafung, zum Salzkörnchen im offenen Fleisch, immer wieder, zur Nadel im Gesicht, mal hier, mal dort, zum atemberaubenden Kratzen im Hals, gegenwärtig, zum kleinen, spitzen Stein der Wahrheit im Schuh, den er sich selbst angezogen hatte. Harmonie, umgestülpt, wegen Kummer, liebend. Hier wird Musik zur Schmerzmaschine, doch andersrum auch zum Trostspender.

Leopolds Lied auf der anderen Seite

Als die Sirenen singen, greift Bloom nach dem anderen Lied, dem einfachen, dem sentimentalen, dem fast peinlich süßen, leidergeilen „Love’s Old Sweet Song“. Diese triviale Sentimentalität ist Blooms Rettung. Plötzlich öffnet sich ein Rückwärtsstrom. Eine zeitlose Blase aus warmem Staub, aus Erinnerung, aus ihrem toten Sohn Rudy, aus romantischer Nostalgie, und vor allem aus der Molly‑und‑Bloom‑Ära(-vor‑Boylan!). Ein Lied, das nicht nach Verrat klingt, sondern auf Dauer anspielt, eine Komposition, die nicht nach Boylan riecht oder an seine Krümel im Ehebett denken lässt; hingegen voller Sehnsucht nach dem, was bleibt, wenn alles andere sich verflüchtigt. Eine stille Arie als Schutzraum, leise wie die Melodey, aber standhaft wie die Lyrics der guten, alten Zeit, for dear dead days — etwas, das Boylan nicht anfassen, dran lecken oder „proben“ kann.

Ulysses Finale

Und dann die Nacht danach. Bloom schleicht sich ans Fußende des Bettes, klein, aber da. Molly über ihm, ihr Monolog wie ein langer Atem, ein Fluss, ein Strom, der alles löst. Die Erkenntnis kommt wie die Moral am Ende der Geschichte. Boylan war das Intermezzo des Nachmittags. Ein Funke, der erloschen ist, bevor er den Boden der Tatsache berührt, bloss das launenhafte Aufblitzen eines schmissigen Refrains, ein schnelles, helles petite Duette zwischen seiner Prima Donna und seinem Widersacher, im dritten Akt. Über allen Ständchen jedoch legt sich der dumme, liebe Grundtenor treu ergeben, der durch das ganze Opus zu Tragen kommt: Einer, der Mollys grosse Arien, Leopolds Leiden und Boylans Trachten in einem wahn-sinnigen Leitmotiv untergehen lässt. Denn der sonore Gesang des still und stet scheinenden Protagonisten geht nahtlos über ins Thema dieser Oper. Beständig, auch wenn die liederlichen Lieder verklungen sind. Ein Theme, in das man seinen Schmerz legen kann, in Kitsch und Klassik zugleich, und darin, im Flackern zwischen Leiden und Trost, eine Würde findet, die niemand einem nehmen kann. 

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