Namenstag ¶

Mordechaï heiße ich, eigentlich. Doch ich trug schon viele Namen, unzählige Bezeichnungen gab es für mich: Eine gute Freundin begrüßte mich stets als Luka vom zweiten Stock – zum Beispiel – eine andere gab mir den Alias Mr. Roundtree. Im Dorf war ich der Prahlhans Dampf-in-allen-Gassen und in der Stadt der Hans im Schneckenloch und Guck-in-die-Luft, so hörte ich. Man nannte mich Luftikus, Karlsson vom Dach und Fiddler. Es fielen viele Namen auf mich; Tagedieb, Tunichtgut und Taugenichts, Trunken- oder Tugendbold. Stadtromantiker und Landstreicher, Veganer, Ganjaner und Pilzmännchen sagten sie mir, Hippie, HipHopper, Hipster. Puck, Punk und Prunker auch. Dramaqueen und Oberste Instanz hieß ich, doch nie Intoleranz.

Man betitelte mich als Meister der Lampe und der Liebe, oft als Lebens- oder Hungerkünstler. Als Rodins Denker beschimpften mich die Dummen, und die Gescheiten lobten mich als Dionysos und Bacchus, als Satyr titulierten mich die Satiriker, als Muse und Medusa auch. Als Spartaner wie Lakonier, als Hybrid, Hybris und Hydra, für jemanden war ich Zorg für einen anderen ein Borg. Man verglich mich mit Agathon, Amor, Eros und Cupido, ebenso kennzeichnete man mich Gnomo und auch schon gute Fee, Rumpelstilzchen; als Troll wurd ich bezeichnet, Leprechaun, Heinzelmännchen und als Hexer wie Magier und Merlin. Chuzpe nannten mich jene und kleiner Feigling diese, aber niemand sagte mir je Mitläufer.

Dafür aber Schuft und Schurke; Lebemann, Ehe-, Ehren- und Edelmann, Ritter gar, Jedi und Yogi, sogar Pirat rief man mir nach wie Patriarch! Abschaum hieß ich oft, man nannte mich zumindest so. Als Rüpel stellte man mich hin, Zyste und Prolet, sowie Ästhet und Asket. Mein Spitzname war früher zwar Joah, doch für die anderen hieß ich Kompöstchen oder Gummibärchen. Und eine Frau nannte mich sogar einmal Alex… Mein Name sei Mensch und Gantenbein! Ich wurde mit Namen versehen wie Biedermann und Brandstifter, Henker oder Richter, ebenfalls Gerechter und Gerichteter, Geachteter und Geächteter, Erbarmungsloser und Erbärmlicher zugleich. Auch Zamt und Zunder, Sturm und Drang, Dr. Jekyll and Mr. Hyde, Goldmund und Narzisst, jedoch nie Egoist.

Für die einen war ich der Priester von der Kanzel, heidnischer Anwalt von der Kanzlei oder des Teufels Advokat, für die anderen Psychiater Freud oder Seelsorger Fliege, aber Verräter nannte man mich nie. Doch Pantoffelheld, Couchsurfer, auch Zappelphilipp oder Suppenkasper und Spargeltarzan, Schmalspurganove und Breitmaulfrosch. Man sprach mich schon an als Biest, mit Salonlöwe und Stubentiger. Hausdrache! Man gab mir Tiernamen. Von Einhorn und Eichhörnchen über Schnecke und Schildkröte bis hin zu Hamster oder Ratte war beinahe alles dabei; Man nannte mich Mücke, Gans, Affe, Kuh, Esel und Fuchs, Rammler und Sammler oder Bummler, Faulpelztier und Emse… meistens jedoch Wild- und Schwein, aber nie Schlange.

Ich hörte mich die Menschen schon Verführer, Blender, Scheiner und Heiliger nennen, auch Judas und Jesus. Wie Phönix. Die Blinden verliehen mir den Titel König, die Seher erkannten mich als Leser. Man empfing mich als Onkel Unke und nannte mich Wahrsager, Ehrlichkeitsfanatiker und Radikaler,  Rebell, Revolutionär, sowieso, Avantgardist und Reaktionär. Man hätte glauben können, mein Nachname sei Wohltat oder -fahrt, wobei Schlendrian und Hurrikan meine zweiten Vornamen seien. Man sagte mir, ich hieße Gutmensch, Gutglaube, Blauauge, auch Besserwiss oder Klugschiss, manchmal auch Alter oder Jungspund, manchmal Kleiner, manchmal Großer, auch Dicky, doch niemals nannte man mich Doofie.

Man benamste mich Philosoph und Philosophaster, Shakespeare und Hamlet, verrücktes Genie mit dem Pseudonym Genial Daneben. Profis nannten mich Dilettant, Anfänger Kenner und die Könner gaben mir den Namen Stümper. Die Stummen erwähnten mich als  Plappertasche oder Quaselstrippe. Die Wortlosen nannten mich ihre Zunge und Stimme, die Verstummten jedoch Frosch-im-Hals. Für die einen hieß ich Herz, für die anderen Bauch. Für die einen Kopf, für die anderen Hand und Fuß auch. Lust- und Wüstling war mein Rufname, so schien es und mein Alter Ego wäre Kent Stopp; Unersättlicher, Unverbesserlicher und Unaufhörlicher sogleich. Völlerer und Spötter, a.k.a. Caligula höchstpersönlich,  aber niemals nannte man mich Nihilist.

Was trug ich einst für Namen! Es benannten mich eine Vielzahl von Personen, die selbst große Namen trugen, sowie namenlose Gestalten oder Niemande. Und ich bezeichnete mich selbst als Künstler, beim Namen WortArt, nannte mich Versager gar und gab mir selbst die meisten Nenner, doch heiße ich eigentlich Wortlieb, schlicht genannt Martin. Und das ist gut so, denn ich habe viele andere Namen, noch unbekannte.

¶In diesem Sinne: 
Egal, auf welche Namen mich das Leben taufte und noch taufen wird; wichtiger scheint, zu wissen, wie ich noch nie hieß, wie ich nicht genannt werde und nimmer meine Namen sein werden.

 

6 Antworten auf “Namenstag ¶”

  1. Gut geschrieben mit sehr viel Phantasie und Erfindungsreichtum, wortgewaltig und wortverspielt. Du spielst mit der Sprache wie Clapton mit der Gitarre (und wieder hast du einen Namen mehr) 🙂

    1. Vielen Dank dafür! Nicht nur für den neuen Namen, der in meine Sammlung kommt.^^ Dir, als neuer Abonnent und – offensichtlich – aktiver Leser, entbiete ich ein herzliches Willkommen, Sven Herzkoma, freut mich!

      1. ↳Zuerst las ich hier einen spitzfindigen Witz und fand ihn in meiner Hochmütigkeit banal. Beim zweiten Besuch fand ich einen Jongleur mit Worten, einen Wortakrobaten, der sich nicht zu schade ist für das Volkstümlich. So irrt der erste oberflächliche Blick.

        Ich selbst seh mein Blog als Notizbuch für meine ersten Einfälle, die ich natürlich gleich versuche zu Perfektionieren: Viel Blödsin, aber darunter auch ein paar Texte, auf die es mir ankommt und die mir wichtig sind. Irgendwann werd ich „die Spreu vom Weizen trennen“, um mal einam alten Sprichwort gerecht zu werden.

        Danke für deine freundliche Aufnahme. Du bist mir ebenfalls sehr willkommen: Eine Bereichung. Doch hab Geduld mit mir: Ich sag auch knallhart, was mir in Texten missfällt, aber mein es nicht abwertend, auch wenn es so erscheint. Das Gute aber werde ich immer loben, soweit meine Urteilsfähigkeit reicht, es zu erkennen. LG PP :)

        1. ↳Anmerkung der Redaktion an Herzkoma:

          Sie sprechen anfangs wohl von den #HospiTales, die, als Einzelheit betrachtet, vielleicht banal erscheinen, jedoch im Gesamtzusammenhang eine durchaus reizvolle Art der Posse darstellen, wie wir finden. Es sind kurze Anekdoten oder eben kleine Possen, bei denen oft ersichtlich wird, wie unmenschlich die Humanmedizin und unsachlich der Fachmann sein kann – aber nicht nur! Sie wurden in literarisch-abgeänderter Form und inspiriert durch reale Begebenheiten von Wortlieb geschrieben und seit Kurzem in den Blog aufgenommen, auch als kreative Erklärung der Leserschaft gegenüber, wenn mal eine längere Zeit kein #WortArtikel erschienen ist. Zum besseren Verständnis, lesen Sie hier die medizynische Timeline der #HospiTales.
          Sie, Herzkoma, erwischten uns gerade, als wir diese Rubrik überarbeiteten, denn eigentlich sind die #HospiTales hier nicht zu kommentieren. Mea culpa!

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