Mein Fremder.

Wie aus dem Nichts heraus taucht er plötzlich auf
als wäre nichts gewesen, als sei nichts geschehen,
der Fremde, der vertraut. – Eine schaurige Kurzgeschichte zu Allerseelen.


Bevor ich mich zur Ruhe begebe, gieße ich regelmäßig treu meine Zimmerpflanzen, egal was mir all die Grünen Daumen stetig einbläuen; mein Hausgewächs mag seinen Mitternachtssnack, so auch heut, eben just zur Geisterstund. Nach einem zum Tag passenden Kinoklassiker-Abend will ich nun nur noch den Fernseher ausknipsen, als unvermittelt vor meinen leicht angeträumten und bereits schlafestrunkenen Augen, die den Weg vom Diwan, weg von Beetlejuice, hin zu meinem Nachtlager suchen, plötzlich eine ominöse Gestalt erscheint, tritt wie aus dem Klang des zwölften Glockenschlages heraus, stolpert mir ins Haus. Seine Silhouette zeichnet breitgefächerte Konturen eines hochgewachsenen Habitus`, kaum erkennbar. Der Vollmondschein von vor zwei Tagen fällt noch immer durchs offene Fenster ins Zimmer, so dass ich noch gerade genug sehe, um selbst im Schlummer und Dämmer des Mondes Schimmer erstmal mehr Lichter entfachen zu können, um jenen Urian mitten in meiner Kammer zu betrachten. Kurz erschrecke ich nur im ersten Moment, fühle mich jedoch nicht in bedrohlicher Lage und glaube seelenruhig, geistvoll zu träumen, während das Schemen beginnt, sich aufrecht angewurzelt aufzubäumen. Ein sinister Nachtwind stößt durch den Vorhang, lässt diesen ballonartig aufblasen, dann als fliegende Phantomflagge flattern, die Kerzen flackern im Wehen umher, werfen spukende Rorschachbilder hinter ihn und ein besonderes Licht auf ihn. Die Schatten wandern, drohen gespenstig laut, doch mir vertraut, sie tanzen amorph wie Rauch durch die Feinstofflichkeit des Raums, reisen weit durch die Zeit und versammeln sich schließlich, formieren sich hinter dem Fremden, was ihn mächtig und wuchtiger wirken lässt, doch seine Haltung wird zunehmend abnehmend, mickrig und buckliger.

Nun kann ich ihn genauer betrachten: Seine Aura versteinert totenblass und unerregbar klobig wie einst ewiges Eis, wie aus dem Gefrierschlaf aufgetaute Gelenke leichenstarr, steif oder aber schwammig wie seine Blicke, schaudernd drein schauend, doch nichts ersehend, kein Blinzeln, ohne Fokus, kaum geöffnet, verweint, knapp geschlossen, blutunterlaufen, linst er umher, schaut sich etwas um, doch das Weiße in den Augen bleibt verborgen. Es scheint als würde ihn die Gravitation zu Erde ziehen, dem gewichtigen Skelett eines Baumes mit Früchten überladenen Äste gleich hängen seine Schultern tief wie bei Tannen, deren Zapfen nahezu den Boden berühren, so reichen seine Arme bleitreibend bis zu den knöchernen Kniescheiben beinah, einer Trauerweide ähnlich schlackern seine wie Tatzen behaarte Hände, tropfend voller Schlick und klebend Lehm, baumeln halblebig an ihm runter. Der Fremde unter meinem Dach erinnert an einen, der sich oben auf dem Boden erhängt hat, mit dem Strick um den Hals dort tagelang pendelte, während düstere Wolken am Himmel vorbeiziehen, wie nächtens.

Der Schädel hält sich nur mühsam, schwankt hin und her, wird schwer wie bei jemandem, der ungewollt im Sitzen einzuschlafen droht; das allmähliche Absinken des Hauptes mit der Sanftheit des Niedergleitens der Lider, der süße Machtkampf zwischen Hypnose und Bewusstsein, jäh gefolgt vom erschrockenen Aufmerken, geschockt dagegen wehrend zuckt man dann aus sich heraus, reißt die Deckel auf wie bei einer Wiedererweckung, richtet das lastende Haupt, schürzt sich kurz zur Haltung zusammen, für einen Moment. Ein in aufrechter Position schlafender Körper ohne Spannung, der auf wie ab wippt und trotzdem nicht vom Stuhle kippt, doch der Schwere Kraft gewinnt immer; auch mein Fremder knickt plötzlich nach vorne ein, das Kinn knallt auf den Brustkorb und der Leib zu Boden, sackt in sich zusammen, eingekauert kniet er vor mir, weitergehend stumm, manchmal säuselt er leis. Hauchend versucht er zu sprechen, mir etwas zu flüstern, seine Lippen bemühen, stoßen Laute mit Klang von sich, doch erinnern die unerkannten Töne des Unbekannten eher an ein jämmerliches Jaulen, lassen mich die gequälte Gestalt nicht verstehen, doch ich habe Verständnis, denn das vertraute Gefühl zu ihm, diese gefühlte Traute lässt mich ihm distanziert nähern; wie einem weit entfernten Verwandten, rücksichtsvoll wie einem vergessenen Verflossenen gegenüber, vorsichtig wie bei einem späten Dämon aus der Historie, sorglich um eine verlorene Seele, ein umhervertriebener Geist oder behutsam wie bei einem versäumten Verstorbenen.

Ich versuche, den Fremden zu beruhigen, sage „Du brauchst erstmal Ruhe!“, dabei halte ich ihn an der nackten Schulter an, blicke ihm ins Gesicht, sehe es geschunden, vernarbt, getrieben und verquollen; eine Fratze von einem, der eine lange Reise hinter sich hat, keine Kreuzfahrt, vielmehr ein Kreuzzug. Meine Berührung erschreckt ihn, schreckt ihn auf, doch sein Zucken verstummt prompt, er reagiert blitzschnell mit einem anhaltend stechenden Blick, erst an seine Schulter, meiner Hand den Arm hinauf, stockend meiner Kehle entlang, dann direkt in meiner Augen Pupillen. Sein Blick so warm und nah im Gegensatz zu seiner Erscheinung einflößender Furcht und Bang verbreitet er, halb Wesen halb verwesen, wie aus einer Gruft hervorgekrochen, auferstanden aus Ruinen, von den Toten und den Lebenden wohl totgeglaubt, beängstigend und ängstlich aus der Versenkung gerupft und gefedert wie Phönix nach einem Grossbrand, lauert er geierhaft, kauert mit kahlgeriebenen Stellen, kaut auf etwas herum, leckt sich Wund für Wund wie ein Hund oder der Wolf sein Fell.

Meine Gedanken schweifen durch den Raum wie Schatten spielen sie mit dem sich stetig ändernden Licht und immer wieder schlägt die Glocke zur vollen Stund und immer noch betrachtet er sich in den Spiegeln meiner Seele. Kaum mehr blinzelnd blicke ich zurück, sehe aber nur mich selbst, ich bin wie erstarrt, gebannt von seiner Anziehungskraft, ich atme flach, hocke mich zu ihm nieder als er meine Hand auf seiner Schulter ergreift, damit ich nicht loslassen kann, mein Puls erhöht sich. Mein Fremder scheint wieder etwas zu Kräften zu kommen, so stark hält er mich nun, in den mächtigen Pranken versinkt mein halber Unterarm, weswegen ich gern etwas sagen würde, doch ich kann nicht, bleibe wortlos, als ob mich seine Gravitation zu Boden zieht, bin ich zu erschöpft, allein meinen Kopf zu halten, lasse ein allmähliches Absinken zu, ein letzter Augenschein, ein längeres Blinzeln noch vor dem Niedergleiten meiner Lider. – Erschrocken merke ich jäh auf, geschockt mich dagegen wehrend, zucke ich aus mir heraus, reiße die Deckel auf wie bei einer Wiederentdeckung, richte mir das belastende Haupt, schürze mich kurz zur Haltung auf, doch bin ich zu müde, um sie wahren zu können. So falle ich alsbald angestrengt erneut in mich zusammen, mir zittert es schauderhaft bis zur Gänsehaut, dennoch beginne ich Rotz und Schlick zu schwitzen während mein Leib gelähmt wie Lehm am Boden sitzen bleibt und mein Blick versinkt, schwindelt, verschwimmt umher bevor er starrt wie meine Gelenke steif.

Es ist frostig geworden durch die Nacht, des Grauens Kühle schleicht jedoch vertraut wie jeden Morgen um mich herum, wie damals, als sei nichts gewesen, nieselt es Regen oder Morgentau der frühen Nebel, ich nicke währenddessen immer wieder im Sitzen ein und erschrecke nur einmal kurz im ersten Moment, als ich seine warme Hand auf meiner Schulter spüre, zucke zusammen, schaue aufgescheucht aus dem Sekundenschlaf auf, betrachte ihn benommen, wie er inmitten meines Zimmers steht, im Pyjama, mit seinen angeträumten und schlafestrunkenen Augen. Er wiederholt: „Du brauchst erstmal Ruhe!“, beugt sich zu mir runter, umarmt mich wie ich bin – versteift, versifft, verdreckt, verklebt – und hebt mich hoch, hält mich an seiner Brust fest, dass ich nicht runterfalle, schützend begleitet er mich stützend wieder zurück zu den anderen, pflanzt mich zu ihnen, an einen wunderschonen Terrassenfensterplatz ins Zwielicht des Sonnenaufgangs, direkt neben Fensterblatt Monstera. Ich genieße still die frische Luft und das Eintrudeln früher Würmer, am meisten jedoch das sachte Streicheln der emporsteigenden Sonne Strahlen auf meiner Haut. Geerdet wieder angekommen, wünsche ich mir nach dieser Nacht nur noch eines, um aller Seelentrost Willen in Frieden Ruhe zu finden: Einen gepflegten Guten-Morgen-Drink, klar und pur. Just in diesem Moment taucht plötzlich wie aus der Zeit gefallen mein vertrauter Fremder wieder auf, trägt eine Kanne voller Wasser mit sich, das er über mich ergießt, weil er mich gestern vergessen und sich im tiefen Schlaf quälend um mich gesorgt habe, wie er sagt, mein fremder Vertrauter.

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