„Das Meer“ trägt etwas in sich, das „der Hoffnung“ ähnelt. Es endet nie dort, wo unser Blick aufhört, seine Wogen erzählen von Aufbruch und Wiederkehr, von einer breiten Weite, einer ganzen Weile und vom War—ten. Jede Welle erinnert daran, dass Bewegung stärker ist als Stillstand, dass ein Rückzug auch ein Anlauf für einen neuen Aufbruch sein kann. Und niemand wusste das besser als Pablo Neruda.

Pablo & das Meer
Das Meer ist eine launische Geliebte: Neruda war leidenschaftlich verbunden mit dem Ozean, der Pazifik schenkte ihm Frieden. Doch diese Lieb blieb nicht ohne Hindernis. So wurde Neruda paradoxerweise beim kleinsten Anzeichen eines wellenbedingten Schaukelns schnell schwer seekrank. Da er somit leider nicht auf das Meer hinausfahren konnte, aber ohne es nicht leben wollte, zog er sich die Seemannsromantik heran und holte sich kurzerhand sein Meer an Land. Er sammelte riesige Seekarten, Muscheln, ausgestopfte Vögel, Schiffskompasse für sein berühmtestes Haus in Isla Negra. Er baute es so lange um, bis es sich anfühlte wie ein gestrandetes Schiff: Die Decken waren niedrig aus Holzplanken gezogen, Bullaugen als Fenster wie Gucklöcher, als nautisches Interieur hängen Galionsfiguren herum, mit denen er auch oft sprach. Das Schiffshaus lebt zudem auch vom Zusammenspiel aus dem urgewaltigen Panorama im gewellten Horizont, den darin schwimmenden Bojen, dem Brandungsgrollen an der möwenbesetzten Felsenwand, dem glucksenden Wasserspiel am Steinestrand und mit dem treuen Matrosenmast in der steifen Brise samt Flaggenwehen in maritimer Luftböe auf dem Terrassen-Deck. Mit dieser poetischen Willenskraft kam Neruda unbeirrbar dem Meer so nahe wie es für eine Landratte nur möglich sein kann.
Crepúsculo marino, en medio
de mi vida,
las olas como uvas,
la soledad del cielo,
me llenas y desbordas,
todo el mar, todo el cielo,
movimiento y espacio,
los batallones blancos de la espuma,
la tierra anaranjada,
la cintura incendiada del sol en agonía,
tantos dones y dones, aves
que vienen a tus sueños, y el mar, el mar,
aroma suspendido,
coro de sal rotundo,
y mientras tanto,
nosotros, los hombres,
junto al agua, esperando,
esperando.
Y las olas dicen a la costa firme:
„Todo será cumplido“.
Neruda & die Hoffnung
1954 erschien Pablo Nerudas berühmter Band „Odas elementales“ (Elementare Oden) in welchem er auf höchstem Niveau die einfachsten, grundlegenden Gaben der Welt feiert und Oden an die Zwiebel sowie an die Erde oder an die Faulheit veröffentlichte, in dessen Zuge ebenso die „Ode an die Hoffnung“. Da im Spanischen das Verb „espera“ sowohl „warten“ als auch „hoffen“ bedeutet, wird die Hoffnung auch untrennbar mit diesem geduldigen Warten, manchmal zuversichtlichen Harren verbunden. So schreibt er beispielsweise von Esperanza als eine raue, ungezähmte Kraft des Meeres, die den Menschen durch schwere Zeiten trägt:
Meerhafte Dämmerung inmitten
meines Lebens,
die Wogen wie Trauben,
die Einsamkeit des Himmels,
du erfüllst und überflutest mich,
das ganze Meer, der ganze Himmel,
Bewegung und Raum,
die weißen Bataillone der Gischt,
die orangefarbene Erde,
die brennende Taille der sterbenden Sonne,
so viele Gaben und Geschenke, Vögel,
die in deine Träume fliegen, und das Meer, das Meer,
schwebender Duft,
volltönender Chor aus Salz,
und währenddessen
wir, die Menschen,
am Wasser stehend und hoffend,
wartend.
Und die Wellen sagen zur festen Küste:
„Alles wird sich erfüllen.“
Oda a la esperanza | Ode an die Hoffnung
Pablo Neruda?

Pablo Neruda, als Ricardo Eliécer Neftalí Reyes Basoalto am 12. Juli 1904 in Parral (Chile) geboren, gilt als chilenischer Jahrhundertdichter, war Diplomat und ist Literaturnobelpreisträger (1971), der mit seiner bildgewaltigen Natur- & Liebeslyrik sowie seinem politischen Kampf beeindruckt. Er starb am 23. September 1973 in Santiago de Chile.
Poeten & grüne Tinte
Neruda weigerte sich strikt, mit der „bürokratischen“ blauen oder mit der „toten“ schwarzen Tinte zu schreiben und verfasste fast seine gesamten handschriftlichen Werke in grüner Tinte. Für ihn war das keine bloße Exzentrik, sondern eine tiefere Philosophie: #Gruen steht für die #Hoffnung und für die ungezähmte Natur, wie wahr! — Wenn ein Literat heutzutage mit grüner Tinte schreibt, ist das als aufrechte Verbeugung vor Meister Nerudas Werk zu verstehen; eine wirklich tiefe Verneigung durch poetisches Verständnis.
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Kommentar & Kritik