Der letzte Artgenosse ¶

Heute, am Tag des Artenschutzes las ich vom Lazarus-Phänomen; wegen einer seit über 100 Jahren ausgestorben geglaubten Riesenschildkröte, die wiederentdeckt wurde, Chelonoidis Phantasticus. Da erinnerte ich mich an die Kurzgeschichte über Sturheit, die ich einst im Zoo schrieb. Hier nachgetragen als dramatische Fabel.

Manson, der als letzter männliche Vertreter einer Unterart der Galapagos-Riesenschildkröte galt, weigerte sich strikte, die letzte, passende und ihm deshalb zugeführte Partnerin Marilyn zu begatten. Er hatte seine Gründe.

Vor 103 Jahren bezeichnete ihn eben genau jene alte Büchse als „Weichpanzer“. Dies vergaß er ihr nie; das schwor er sich, nicht zu verzeihen, damals; schier niemals! – Und nach all den Jahrzehnten des Grolls und eisernen Schweigens wünscht ausgerechnet dieses Gnä’Fräulein Marilyn, die noch immer zu stur ist, um sich dafür zu entschuldigen, dann einfach mal so eine beträchtliche Nachkommenschaft von ihm, zur Rettung der Art?!

Nein. Allein der Gedanke, die Verantwortung mit ihr für die Brut übernehmen zu müssen, grauste ihm sehr. Er blieb sich treu — und entgegen aller Bestrebungen der Amphibien- und Artenschützer, der Tierpflegerinnen und -heger; den voyeuristisch Zuschauenden im Zoo und den aktivistischen Medien-Aufrufen zum Trotz, blieb er uninteressiert und asexuell sein Leben lang.  Er wollte der letzte seiner Art bleiben.

Die Moral von der Geschicht ist schlicht: Eine bedrohte Tierart vor dem Aussterben zu schützen, ist unsere Pflicht; doch es gibt wohl eben auch auf Aussterben ein Recht.

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