Diese amouröse Skizze eines stillen Beobachters, der an einem einsamen Ort zu seinem Valentin-Schatz fand, erzählt die Geschichte von gescheiterten Existenzen, der Abwesenheit von Verliebtheit & der Illusion eines Happy Ends: Sie beginnt am Feierabend eines 14. Februars in der BelAmiBar; hier scheint jeder Tag dem Valentin geweiht, der Liebe gewidmet & auch der Tragödie geschuldet. 

Am Ende der Bar-Theke, am selben Platz wie immer hängt Kyrill, ein in die Jahre gekommener Gentleman alter Schule mit Fliege; er erzählt gerade wieder mal, wie er seine Frau an eine andere Frau verloren habe, an die beste Freundin des Paares damals, das sei schon vierzig Jahre her, doch er empfinde für sie noch immer Liebe — und Lesben seien Diebe. Mit wem er spricht, ist unklar. Doch daneben steht Schürzenjäger Claudius agil angelehnt; er bandelt gerne mit Verheirateten an und wird sich deshalb besonders heute seiner Einsamkeit bewusst, weil all seine Gspusis den Valentinstag lieber mit ihren Ehemännern feiern. Er zwinkert Eva mit den rosa Backen zu, eine gut betuchte Finnin, die sich aus Furcht vor Zurückweisung – oder schlechtem Sex – ihre Potenzprotze stets zu mieten pflegt; sie sitzt am Tisch bei ihrer Busenfreundin Theresa, die ihre Liebe schon früh am Boden eines Weißweinglases suchte und sie schließlich in der Gin-Flasche fand. Vier leere Gläser mit ausgelutschten Zitronenscheiben stehen auf dem Tisch, ein voller Aschenbecher vor ihr; sie winkt andauernd dem bodygebildeten Barmann. Dieser wird hier nur „Single“ genannt wegen seiner Vorliebe für edle Whiskys und: „weil ich so viel arbeite, hab ich gar keine Zeit für eine Beziehung, es ist meine Bestimmung, Single zu sein“, wie er in seinem Mantra stets betont, „ich bin mit meiner Bar verheiratet, sie ist mein Traum und für den muss ich eben Opfer bringen.“ Ab und zu sieht man ihn knapp mit einem Gast auf die Toilette verschwinden, mal mit ihr, mal mit ihm. Der schüchterne Malte, der seit seinem Coming-out solo ist, sitzt in der Ecke, seine Ex-Freundin Willa, die verrückten Herzens überall dort auftaucht, wo auch Malte ist, beäugt ihn und jeden, der mit ihm spricht. Durch die Bar schwingt Cora, ein Rätsel für alle, tingelt ein wenig umher, huscht von Tisch zu Theke, meistens werden ihr die Drinks spendiert; dass die divenhafte Schönheit alleinstehende Mutter ist, weiß hier niemand, noch weniger, warum sie keinen festen Freund hat, keiner kennt sie gut genug, doch jeder schaut ihr zu, wenn sie um den Stammtisch tänzelt.

Dort sitzt Edwin, der Witwer, der seit dem Todesfall seiner Liebsten – wie er sagt – nur noch an hohen Feiertagen mit der Chorleiterin des Kirchturms gegenüber schäkere, weil sie seiner Frau selig so ähnlich sehe. Er wolle sie heute Nacht noch mit der Leiter besuchen, erzählt er dem abgehalfterten Hut- & Hosenträger Kurt, der ein Leben lang vergeblich auf die Richtige gewartet, eben nur gewartet hatte, nie etwas dafür getan hat und sich jetzt auch keine Mühe mehr gibt. Es setzt sich die gestrenge Sara dazu, die mit Jesus verheiratet ist und auch lieber wartet. Die Fromme mit den Furchen im Gesicht erklärt Kurt, dass der heilige Sankt Valentin ein Märtyrer der wahren Liebe sei, der trotz Verbot alle Liebespaare, die sich wirklich liebten, verehelicht habe, egal welcher Religion oder welchen Standes, sogar Paare, die durchbrennen wollten. Kyrill hört dies und ruft: „Etwa auch Lesben?!“ Malte hakt hier ein: „Dann war die Botschaft von Valentin eigentlich ‚Ehe für alle‘“ – Edwin ist fasziniert davon, aber Sara meint, so könne man es nicht sagen. Da eilt Willa herbei und gibt Malte recht, erzählt sogleich, wie sie selbst einmal fast mit jemand ganz bestimmtem durchbrennen wollte… Malte verlässt die Diskussion, entwischt Coras Versuch, ihn anzutanzen und gesellt sich zum Beau Claudius an die Bar, stellt sich mit dem Rücken zu Kyrill. Kurt hört Sara nicht mehr zu seit Cora an ihm vorbei stöckelte; er offeriert ihr einen überteuerten Cocktail. Sara schließt sich der Bestellung an, bezahlt aber demonstrativ selbst. Der Rosenverkäufer, den hier alle unter dem Namen Pauli kennen, öffnet die Tür, hält sie für Sam auf, die hereinstürzt, sich frustriert auf das Polster der Eckbank fallen lässt, schnaubt und erstmal einen Roten ordert. Claudius merkt und horcht auf, kauft ‚Paul-Lee‘ vorsorglich eine Rose ab. Sam, die hoffnungslose Romantikerin wurde beim Mittagessen von ihrem Freund versetzt, dabei habe sie doch gerade heute auf einen Heiratsantrag von ihm gehofft, doch womöglich betrüge er sie, wohl schon länger. Sie wird sich rächen, ihren Beziehungsstress kurzzeitig verdrängen, Claudius kümmert sich darum, um sie, er bringt ihr schon den bereitgestellten Rotwein mitsamt Rose an den Tisch. Von seiner Initiative angespornt, sucht auch Kyrill Kontakt zu den rosa Backen Evas – oder wenn es sein muss, auch zu den gelben Zähnen Theresas. Single nutzt diese Gelegenheit, lehnt sich über die Theke zu Malte und fragt: „Auch so allein an Valentine? Was darf es denn für dich sein?“. Pauli schenkt Single mit heraufgezogener Augenbraue eine einzelne Blume, wie er dies eigentlich immer tut, und geht wieder.

¶In diesem Sinne:

Abends zog Kyrill dann noch mit Eva und Theresa in den Armen weiter, um die Häuser, den Valentin zu feiern. Edwin trug seine Leiter durch die Nacht. Claudius und Sam verließen das Lokal, doch die Rotrose blieb auf dem Tisch liegen. Kurt und Cora wurden auch nicht mehr gesehen, einzig Sara schlief selig in der Ecke auf der gepolsterten Bank mit ihrer Strickjacke als Kopfkissen. Als schließlich auch Single und Malte verschwanden, traf der stille Beobachter dieser Szenen in der BelAmiBar also auf seinen Valentin-Schatz; die verlassene Willa. 

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