Kreatives Päuschen

— Kein Essay des Dichters Wortlieb Martin zum #Welttag der Poesie.

Was heißt es eigentlich, eine sogenannte „kreative Pause“ einzulegen? Die Frage wirkt harmlos, fast nach Ratgeber-Rubrik, trägt aber einen hübschen Widerspruch in sich: Wie pausiert man etwas, das sich weder erzwingen noch zuverlässig abstellen lässt?

Im durchgetakteten Alltag erscheint die „kreative Pause“ als kleiner Ausbruch aus der Pflicht zur Effizienz. Für einen Moment verliert die Welt ihren Zweckoptimismus, und es entsteht ein Raum, in dem nicht alles sofort verwertet werden muss. Sie ist der Gegenentwurf zur Funktionalität: Kreativität wirkt hier wie ein seltenes Ereignis – flüchtig, unberechenbar, mit einem gewissen Verweigerungspotential, ein Vorfall, der auch nicht selten in einer Pause schon wieder ad acta gelegt wird. Jedoch für jene, die beruflich mit ihr leben, oder gar mit ihr verheiratet sind, verschiebt sich diese Perspektive. Kreativität ist hier kein Ausnahmezustand, sondern eine klare Erwartungshaltung, der Grundmodus ihres kunsterfüllten Daseins; keine kurze Episode, wohl eher eine Epoche. So ist hierbei eine „kreative Pause“ als ein Rückzug aus dem inneren Produktionsdruck zu verstehen; eine höfliche Distanzierung von der eigenen schöpferischen Maschine. Ironischerweise führt sie oft zu Tätigkeiten, die man sonst mit größter Hingabe vermeidet — etwa gewinnen selbst Formulare eine gewisse Anziehungskraft: Endlich einmal etwas, das sich eindeutig ausfüllen lässt, wie die Steuererklärung. Die „kreative Pause“ dient im Zuge dessen nicht zur Inspiration als wohl zum Ausgleich.

»Am Tag der Arbeit wird nicht gearbeitet, zum Welttag der Frau wird sich nicht als Frau verkleidet, an Muttertag wird nicht der Schrauben gedacht und gedichtet am Tag der Poesie wird höchstens der tropfende Wasserhahn.«

WORTlieb mARTin, dichtender Poet

Doch die ach so „kreative Pause“ kann auch anders, schleichend oder plötzlich; was als Entlastung beginnt, kann rasch in ein Zögern kippen und dies in einer Blockade gipfeln, bei dem die Kunstschaffenden nie und nimmer wieder jemals zurück ins Musenreich finden werden, so fürchtet man. Hinter der Angst, nicht mehr anzufangen, steckt selten bloße Trägheit – eher die stille Frage, wer man eigentlich ist, wenn man „nichts“ hervorbringt. Liegt nicht genau darin ihr eigentlicher Wert? Die „kreative Pause“ ist kein Bruch, sondern eine Setzung. Sie unterbricht nicht nur die Arbeit mit der Absicht eines späteren Wieder-Anfangs, sondern auch den gesellschaftlichen Trugschluss, Produktivität mit Identität zu verwechseln. Auch in einer Phase des Stillstands, der Inaktivität oder wenn man nicht funktioniert, bleibt der grundlegende Wert, das Talent oder das Potenzial trotz alledem erhalten.

»Wenn man selber langsam zu einem Bleistift geworden ist, bleibt man auch ein Bleistift, wenn man nicht schreibt.«

Klaus Merz, ausgezeichneter Schweizer Dichter

So steckt in der „kreative Pause“ ein Moment der Selbstachtung: die Einsicht, dass schöpferische Energie weder unerschöpflich noch jederzeit abrufbar ist. So gehört die „kreative Pause“ also zum Prozess der Arbeit, des Schöpfens und Gestaltens selbst. Ein bewusstes Innehalten, das die Bewegung nicht hemmt, sondern erst ermöglicht. Denn Kreativität entsteht selten im Dauerlauf – eher im Wechselspiel von Tun und Lassen, als Geben und Nehmen, zum Ausgleich im Balanceakt, im Schaukeln von Ebbe und Flut. Und so definieren wir uns nicht durch unsere blosse Tätigkeiten, sondern ebenso durch das, was wir aufmerksamerweise Nicht-tun. Schliesslich lehrt uns selbst die kunstvolle Schöpfungs-Mythologie, dass auch der Ruhetag nach sechs Tagen Arbeit zur Vollendung einer Woche dazugehört. Nicht einmal der Flug zum Mond, die Erbauung Roms oder die Erzählungen Hoffmanns wurden ohne Pausen erreicht, errichtet oder erdichtet.

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Den Dichterinnen dieser Welt rufen wir — nicht nur am heutigen #Welttag der Poesie — unseren Dank zu und lassen den Poeten von Welt ihre kreative Pause (aber nur heute)! Gerade applaudieren wir euch stehend, ihr kreativen Pausierenden, wir verneigen uns vor jenen, welche die Poesie alltäglich sehen, bewundern und uns damit in Staunen versetzen.


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