Gala-Diners ¶

Fürstliche Torheiten
Herbstliche Kannibalismen
Große Köstlichkeiten aus Winzigem
Sodomisierte Zwischengerichte
Schillernde Sputniks – auf der Erde
Panaschiertes Panaschee
Monarchenfleisch
Weiche Uhren im Halbschlaf
Desoxyribonuklein-Atavismen
Ich esse Gala
Nächtliche Gelüste
Die köstlichen kleinen Martyrien

Was sich hier liest wie das Gedicht eines avantgardistischen #Foodporn-Poeten sind jedoch die Titel der Kapitel aus dem surrealistischen Kochbuch von Salvador Dalí (1904–1989), welches er seiner Gattin und Muse Gala (1894–1982) widmete. Und ja, dieses Kochbuch ist wahrlich ein Gedicht!

La_Tour_d_Argent_Salvador_Dali
aus der 2016 in fünf verschiedenen Sprachen erschienene Neuauflage,
Taschen ISBN 978-3-8365-0875-9

Essen und Surrealismus sind ideale Bettgesellen: Sex und Hummer, Collage und Kannibalismus, die Begegnung zwischen einem Schwan und einer Zahnbürste auf einem Tortenboden.

Als Kind wollte Dalí Köchin werden, als Mann gab er zusammen mit Gala später legendäre Dinnerpartys und als Greis veröffentlichte er „Les Diners de Gala“, das verrückteste Kochbuch aller Zeiten. Der Großmeister selbst entwarf 1973 diesen kulinarischen Geniestreich, würzte mit Bonmots nach und versüßte ihn mit 12 Tafeln als Umrahmung der oben erwähnten Kapitel. Das üppige Werk „Die Diners mit Gala“ präsentiert auf 323 Seiten opulente 136 Rezepte – davon 56 farbig illustriert und 21 aus den Küchen der Pariser Sterneköche alter Schule. Es ist ein zugleich ästhetisches Kunstwerk, lukullisches Kochbuch und synästhetisches Abenteuer in Einem; eine Synthese aus surrealistischem Witz und gehobenen und verschrobenen Gaumenfreuden. Dalí selbst warnte davor:

„Es ist einzig den Freuden des Gaumens gewidmet. Sollten Sie ein Jünger jener Kalorienwieger und –wäger sein, die die Freuden des Mahles in Strafen verwandeln / wenn Sie ein Anhänger eines jenen Kalorienzählers sind, die aus den Freuden des Essens eine Art Bestrafung machen, / so schließen Sie dieses Buch sofort: Es ist viel zu lebendig, viel zu aggressiv und viel zu impertinent für Sie.“

Gerade in Zeiten der Sparer, Asketen, Veganer, FastFooder und BodyMassIndexisten dankt es ein Gourmand und Gourmet dem Taschen-Verlag umso mehr, wenn er das dekadente Kultkochbuch Dalís neu auflegt, ja man freut sich – selbst wenn man zum Beispiel im Besitz einer signierten Original-Ausgabe ist…

¶In diesem Sinne: 
Mit sechs Jahren wollte ich Dalí sein,
denn er wollte damals Köchin werden.
Heute will ich bloß noch Gala essen.

 

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