Schaufensterbummel ¶

Eine Art Weihnachtsgeschichte. Zur Besinnung.

Als noch nicht jede noch so kleine Manufaktur die Ressourcen für Reklame besaß und Werbung nicht an jeder ach so erdenklichen Stelle die potentiellen Käufer ansprang, als es noch keine Websites und Internet-Ads gab, die uns vorher bereits ausspionierten, um zu erfahren, worauf wir stehen; damals gingen wir oft Schaufensterbummeln. Natürlich immer erst abends, nach Ladenschluss; nicht, dass man in die Versuchung kommen konnte, tatsächlich etwas einzukaufen, so ganz spontan. Ein Kauf sollte doch gut überlegt sein. Für die Geschäftemacher war das Schaufenster oft die einzige Möglichkeit, an die königliche Kundschaft heranzutreten, ihr seine besten Stücke vorzustellen, seine Glanzware zu präsentieren, sie von der guten Qualität zu überzeugen. Die Schaufenster waren des Krämers Visitenkarte und deshalb mit Liebe und Hang zum Detail dekoriert. Und für uns war so ein Bummel jedes mal ein kleines Spektakel, das man sich gönnte, bevor man sich in ein Restaurant zurückzog, um sich wieder zu wärmen. Manchmal ging es danach auch ins Theater. Diese Schaufensterbummel galten bereits als Familienausflug, manchmal nahm man auch entfernte Verwandte mit oder man lud Freunde dazu ein.

Die Kinder drückten dann ihre Nasen an die Scheiben, wenn etwas für sie Begehrenswertes auslag, um diesem so nah wie möglich zu sein und alles genau sehen zu können. Meist waren die Süßigkeitenläden und Spielzeuggeschäfte schnell zu erkennen; an ihren Schaufensterscheiben – etwa auf einem Meter Höhe. Dort wimmelte es vor lauter Abdrücke neugieriger Nasen, dort sammelten sich die Eindrücke gieriger Kinderfinger der ganzen Stadt. Manchmal hauchten sie auch die Scheiben an, malten mit fettigen Pfoten Herzchen drauf und wenn die Scheiben vor Kälte beschlagen waren, musste man sie erst blickfrei polieren, damit man überhaupt sehen konnte, was man möglicherweise haben wollte. Später waren dann die Schaufensterkameras der Hit, die ihre Bilder direkt ins Schaufenster live auf einen kleinen Fernseher übertrugen. Da konnte man, mit der Illusion, man sei „im Fernsehen“, herum hampeln und Grimassen schneiden wie die Affen, das war lustig. Die Erwachsenen plauschten auf ihrem Stadtspaziergang miteinander und schlenderten den glitzernden und glänzenden Dingen in der Auslage entlang, dachten über Geschenke bester Beschaffenheit nach, erweiterten ihre eigene Wunschliste, holten sich schlicht Dekor-Inspirationen oder brachten sich auf den aktuellsten Stand, was denn gerade en vogue oder démodé sei. Und was es Neues auf dem Markt gab, vielleicht ein letzter Schrei?

Großtante Rachel hat sich mit mir beim Nachmittagstee daran erinnert. Doch heutzutage sei ihr der Schaufensterbummel zu anstrengend, nicht etwa, weil sie schlecht zu Fuß wäre. Aber weil die Leute in den Städten nicht mehr Bummeln, sagt sie und fügt eindringlich hinzu: „Weil die Leute heute nach und nach, immer mehr und mehr selbst zu Schaufenstern werden!“

¶In diesem Sinne:

Als sie mir gleich darauf ihre Facebook-Freunde zeigte, und wie sie allen einen guten Rutsch wünschte, murmelte sie währenddessen: „Alles Schaufenster! Schaufenster. Schaufenster…“ – Dann lachten wir bis zum Abend und als ich ging, musste ich ihr versprechen, darüber nachzudenken. Versprochen!

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