Der WorldBookDay ermahnt uns, dass das Lesen von Büchern wichtig ist. Ob es auch wichtig ist, was man liest, sei dahingestellt, denn ein Buch ist nebst dem Kulturgut eben auch ein Konsumgut. Die Trivialliteratur – vom Arzt- über den Heimat- bis hin zum klassischen Liebesroman – bildet zusammen mit der Hoch- & Unterhaltungsliteratur ebenso einen wichtigen Bestandteil des Büchermarktes. Ein Essay als Versuch einer Annäherung… ¶ 

Die vor allem weiblichen Autoren nennen sich „Quick“, „MacNasty“ oder „Loveweather“, ihre Bücher betiteln sie mit „Arabella“¹, „Angélique“² oder „Im Sturm erobert“³. Vor der Gefahr dieses Lesestoffes warnt bereits das laszive Cover, knallbunt in Hochglanz. Das meist gezeichnete, ineinander verschlungene Paar zeigt sich halbnackt; der langhaarige, muskulöse Herr in offenem Hemd mit rasierter Brust tritt von Hinten an die verruchte, einen Kopf kleinere Dame mit üppigem Busen und freizügigem Dekolleté heran. Dies archaische Bild einer Rollenverteilung lässt kaum künstlerische Finesse oder intellektuellen Anspruch verheißen. — Da man ein Buch jedoch nicht nach dem Cover ver…ähm..beurteilen soll, gilt es, die aufkommende Fremdscham zu überwinden, um den überwiegend nur im Taschenbuchformat erhältlichen ‚Schundroman‘ aufzuschlagen und ganz zwanglos darin zu schmökern. Die Geschichten spielen vornehmlich in der Vergangenheit, schließlich rühmen sich viele dieser Romane als „historisch“ und (be)setzen Attribute wie „romantisch“, daher nennt man sie auch „Historical Romance“. Bevorzugt wird hierbei das viktorianische Zeitalter oder die Regency-Zeit, um die Jahrhundertwende 1800 rum. Ausgerechnet zu Lebzeiten des Dichters William Wordsworth; in Zeiten, in denen Lord Byron, Jane Austen, Harry Heine und E.T.A Hoffmann schrieben, Caspar David Friedrich und William Turner malten, in denen Schubert, sowohl Chopin komponierten und Napoleon die Welt veränderte, liegt der Geschmack von tollkühner Waghalsigkeit und Aufbruch deutlich in der Luft, beziehungsweise zwischen den Zeilen. Inhaltlich erinnern manche dieser Liebesschnulzen an frühe Schauer- oder Kriminalromane, sowohl an gewisse Low-Fiction wie „Conan der Barbar“, andere knüpfen an Vampir-, Werwolf- & Gestaltwandler-Geschichten an, der abenteuerliche Bogen spannt sich sogar von Mantel & Degen über Piraten-Sagen zu Ritter-Erzählungen bis hin zu Highland-Legenden, doch enden stets im Ränkespiel der Liebe, im Wechselbad der Liebenden, in purer Wollust, leider auch in leidenschaftlichem Hass und leidigen Intrigen ihrer Widersacher.

Der Prolog beginnt, so gewaltig wie die Ouvertüre einer Oper, mit dem Protagonisten, der sich erstmal unter die Ansage stellt: „Vor zwanzig Jahren..“ — Als Jüngling durchlebte er eine Schreckenstat, die ihn zum gestandenen Manne machen sollte; zu einem Mannsbild, der nun nach Rache sinnt. In den kommenden 300 Seiten unterliegt er gemeinhin einem Missverständnis und quält die falsche Frau, obwohl er es nicht will. Ganz nebenbei kämpft er gegen eigene Dämonen, muss den Kampf mit seinen Dogmen und Ehrbegriffen ausfechten. Blutrünstig, brutal und haarsträubend. Nicht umsonst nennt man solche Romane auch „Bodice Ripper“, also „Mieder Niederreißer“, explizit „sexy, violent, historical romance novel“. Nun muss die größtenteils weibliche Leserschaft alle Faktensicherheit vergessen und sich von ihrem Realitätssinn verabschieden, auch von politischer Korrektheit muss abgesehen werden oder von modernen Weltanschauungen, denn wenn sie das nicht tut, wird jeder Satz zur gebrochenen Glasscheibe und das Auge stolpert über einen Scherbenweg voller Buchstaben: Das Geschriebene muss ohne Wenn & Aber akzeptiert, die Geschehnisse müssen angenommen werden, flexibel und großzügig angepasst. Dann entscheidet die Leserin dieser sentimentalen Lektüre, ob sie den „Nackenbeißer“ (weiter)lesen will oder nicht, ob sie sich in diese Geister- und Märchenbahn begibt und in das Geschwulst der gefühlvollen Adjektive eintauchen will. Geködert wird sie sogleich mit einem mephistophelischen Plan… — Die eigentliche Geschichte beginnt alsbald mit der wunderschönen und klugen Protagonistin, wobei hier ihre rebellische Seite wichtig zu sein scheint! Meist trifft die temperamentvolle Heldin, selbstlos und nicht korrumpierbar, eine Entscheidung, welche sie aus der gewohnten Komfortzone reißt. Man ist beeindruckt vom Mut der Unzähmbaren und all den empathischen Zielen jenes tugendhaften Beschlusses. Kaum hat sie die Sympathie des Lesenden gewonnen, begegnet sich auch schon das zukünftige (Traum)Paar.

Das eingangs erwähnte Missverständnis wird zu ihrer Schaukel und man liest hin und her: Seine Perspektive sehend, dann wieder ihre Ansicht teilend, aber auch seine Interpretation verstehend, doch ihre Reaktion anerkennend, etc. Dieses Wiegen beruhigt den Konsumierenden, er fällt während des Lesens in einen hypnotischen Zustand der Entspannung, er entweicht Zeile für Zeile der Realität, wird zwar aktiv entrückt, doch eigentlich liest er schlummernd weiter, eingelullt von der Femme fatal und eingenommen von der Amour fou. Allmählich versteht man, weshalb beim populären Aufkommen dieser Liebesromane die sogenannte „Lesesucht“ bei Bediensteten und Arbeitern um sich griff oder weshalb Klerus und Hochadel dies zu unterbinden versuchten. — Wie von selbst liest die Neugier weiter, um den beklemmenden Konflikt auflösen zu können, sie sucht nach dem entscheidenden Zeichen, welches das Bauchkrümmen beendet, nach dem einen Satz, der alles verändert, sei es ein endliches „Ich hab Dich immer geliebt, Du Schuft!“ oder ein Bekenntnis, welches eine unverhoffte Wendung anzeigt, einen Streit unter Liebenden auslöst oder Zweifel aufkommen lässt. Meist wird dann ein Detail enthüllt, das weitere Verwirrung stiftet, bevor man jene Zeilen lesen darf, deren Worte aus magischen Buchstaben bestehen, bei deren Anordnung kitschige Bilder gestaltet werden, Utopie und Realität zusammen am Tisch sitzen und Prosecco trinken, einvernehmlich. Der Leser beschwipst sich dieser Buchstaben, pauscht sich dieser Worte auf, um mehr als hundert Seiten lang die Psychose des Romans wüten und stürmen zu lassen, bis man kurz vor Schluss zur Erkenntnis gelangt, dass der Sinn des Lebens die wahre Liebe ist und diese die ganze Seit gleich nebenan stand; schnell wird auch klar, dass das Schicksal alles steuert und der Zufall mit (einem) spielt.

Es bleibt spannend mit den entstehenden Beziehungen; nicht nur zwischen der Schönen und dem Biest, sondern auch zwischen Leserin und Erzählerin, zur gepaarten Heldenschaft, hin zu plötzlich auftretenden, gemeinsamen Feinden. Schwarz auf weiß sind hier ohne Verwirrungen Gut und Böse leicht zu erkennen, da die Tugend schön ist und Prinzipien attraktiv sind, hingegen das Böse beim Anblick hässlich und plump durchschaubar ist. So lässt man sich gerne von Abscheu – auch mit genügend verklärter Gewalt – verführen, wenn man die Hoffnung immer noch nicht verloren hat, dass die Liebe – auch mit Vergnügen mittels Pornographie – gewinnt, am Ende alles gut kommt und sittsam geheiratet wird. Doch damit das Paar sich (mitunter abermals) unausweichlich finden kann, müssen Abstriche gemacht und Kompromisse eingegangen, Stolz und Vorurteile abgeworfen und die großen Erwartungen verworfen werden. Zwei einsame Herzen, verloren ist das ihrige, seines ist und bleibt hart, nur sie macht ihn schwach; aber ob er auch gänzlich zu ihr steht und zu seinen Gefühlen? Kann sie ihn ändern oder bleibt er der Wilde, der sich niemandem unterstellt? Kann er sie retten oder wird sie die Widerspenstige bleiben, fügt sie sich seinen starken Armen? Unsicher tapst die frische Romanze die ersten Schritte, der Lesende flüchtet mit ihnen gemeinsam in die Heile-Welt-Fiktion als Urlaub von der Realität, über den Klimax hinaus, hin zum Höhepunkt der Geschichte; dem HappyEnd! Denn kaum finden sie endgültig und final zusammen, findet auch der Roman sein Ende und verzaubert bleibt dem schmachtenden Leser bloß noch die Frage nach einer Fortsetzung oder zumindest einem weiteren Buch, das ihn dahinschmelzen lässt, nach einer ähnlichen „Ferienlektüre“ mit der selben Geschichte, nur anders…

¶Auf ein Wort:

Am heutigen #WelttagDesBuches jährt sich zum 170. Mal der Todestag von William Wordsworth, dem genialen Dichter seiner – vielleicht auch aller – Zeit. Passend zu diesem WortArtikel sagte er 1814:

«Weisheit liegt oftmals näher, wenn wir uns zu Etwas herablassen, als wenn wir uns über Etwas erheben.»

Seien wir also weise und sprechen auch dem gefühls-schwankenden & -schwangeren Genre der Trivialliteratur eine Rehabilitation zu: Hauptsache, wir lesen Bücher! 


¹ Georgette Heyer, ‚Arabella‘, Leseprobe
² Anne Golon, ‚Angélique‘, Interview
³ Amanda Quick, ‚Im Sturm erobert‘, letzter Satz:

5 Kommentare

  1. Ein entzückender Online-Kommentar, der uns hier in der Redaktion zum Lachen gebracht hat:

  2. Als ich diesen wunderbaren Beitrag zum Welttag des Buches las, fühlte ich mich ausgezeichnet unterhalten. Selbst Besitzerin aller Angéliquebände und gelegentliche Urlaubnehmerin in solchen Zeilen kamen mir auch schon ähnliche Gedanken beim Aufwachen meines Intellekts. Aber der Bogen zum Wordsworthzitat war überraschend und sehr pointiert. Danke für diesen Exkurs.

    1. Dieser Text benötigte viele unterhaltsame Stunden der genauen „Recherche“ meinerseits^^ – daher danke ich Ihnen für die Blumen; Ihr Amüsement freut mich!

      <3liche Grüsse

  3. Perry Rhodan – Jerry Cotton o.ä. für das herrliche Geschlecht ist wahrscheinlich nach dem gleichen Muster gestrickt und wird von vielen männlichen Lesern verschlungen ….also bitte nicht immer nur die Damen im Visier haben -:)))

    1. Es würde mir nicht in den Sinn kommen, über jemanden zu urteilen, der liest; wohl eher über denjenigen, der es nicht tut. Doch Du hast vollkommen Recht, das Schema ist oftmals dasselbe bei Trivialliteratur jeglicher Richtungen. So erwähnte ich ja auch die Schauer- & Kriminalgeschichten, all die Abenteuerromane, etc. – Diverse Unterschiede sind aber dennoch zu erkennen, z.B. bei den erotischen Passagen…^^

      Danke Karin; fürs Vorbeischauen, Hineinlesen & für Deinen Kommentar, liebe Grüsse, M.

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