Nichts ¶ (Neujahr)

Die alten Tage gingen vorüber, Silvesterabende verstrichen, die Rauhnächte zogen vorbei, und alles nahmen sie hinfort, nichts haben sie hinterlassen; willkommen Neujahr. – Ein Angebot zum Anfang.

Nichts ist in meinem Besitz, denn nichts was ich je besaß, habe ich. Nichts ist meine Habe, habe weder, was sich meines nennt, noch, was ich meines nennen könnt, nicht einmal einen lumpigen Hintergedanken und ohne Absicht schon gar nicht Gier und Neid, keinen Namen, keine Vergangenheit; ein unbeschriebenes Blatt, eine unendlich unentdeckte Geschichte bin ich nun, ohne Etwas, mit Nichts und keinem Alles, frei von Urteil oder Vorurteil sogar, los von Schand und Scham; ein ungezwungenes, ungesungenes Lied, eine ungespielte Melodie, eine Neukomposition, ein entblößtes Neugeborenes im blanken Wahnsinn der nackten Realität. Nichts weiter begleitet mich weiter und nichts kann ich also bieten, nunmehr nichts, was ich mehr hergeben könnt, keinen Deut oder Heller, habe nichts auf der hohen Kante, kein Geschenk für Dich: Doch demütig, mit leeren Händen ohne Asse im Ärmel und keinem Trumpf im Strumpf stehe ich nun ohne Weiteres ohne Spielchen hier vor Dir, im letzten Hemd ohne Taschen mit Etwas drin, in den Hosen mit herausgekrempelten Säcken, mit dem Krempenhut für die letzte Kollekte und in den Schuhen für den richtigen Abgang, trete ich startgeklärt an die Linie, stehe bereit, gehe voll auf Null, liege am Ausgang und setze Alles auf Anfang.

In diesem Petto:

 

alles kannst haben, nichts ist mein;
bin noch und doch wieder rein –
nimm mich bar wahr, neues jahr.¶

5 Antworten auf “Nichts ¶ (Neujahr)”

  1. Die Rauhnächte sind ja bekannt für Einsichten, Läuterungen und Umkehr ;-)
    Hab grad beide Texte glesen: Bravissimo! Schönes Spiel mit Worten Alles und Nichts.
    Also wunsche ich dir: Alles gute auf deinen Wegen, Nichts soll dir im Wege stehen.
    LGMarioT.

  2. Und trotzdem gab es großartige Zeiten, gesungen und geschunkelt. Irgendwann verstreut in alle Winde. Dein Wetterleuchten, jetzt schwankst du, muss nicht sein. Wir schämen uns nicht der Lebensschweißtropfen. Schließlich sind wir am Ende nicht unter unseren Möglichkeiten geblieben, die eben das Schicksal vorgibt. Dein Schaffen ist dein Werk. Sei stolz drauf. Ich bewundere deinen Mut, deine Intelligenz, du bist eine Originalversion. La, La, la He, He, Hee“, liebe Grüße, der Jensen.

    1. Wetterleuchten, was für ein schöner Begriff! Doch sollte mein Text keines sein; ein gründliches Neubeginnen wohl eher. Der Reiz bei den Zwilling-Texten „Alles (Altjahr)“ und „Nichts (Neujahr)“ lag bei mir auf reinem Tisch; Gestern dankend, heute demütig. Diese Tabula Rasa will jedoch nichts über die Qualität der Freuden oder Quantität der Leiden des letzten Jahres aussagen.

      Lebensschweißtropfen: Noch sowas Schönes! – Ich danke Dir für die schmeichelnden Worte, Jens, auch ohne diese freut und ehrt mich wahrlich jeder Kommentar hier von Dir: Mit Deinen Liedern stimme ich schunkelnd eine andere Melodie im neuen Jahr ein und trinke mit Dir auf die guten Zeiten, die vor uns liegen, und auch auf die, an die wir uns erinnern werden. Prost!

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