fernbedient ¶

Nebst dem Kaffeekränzchen und Stammtisch, den Leseabenden und Schubertiaden, zu denen wir laden, versetzt die moderne Technik unser Haus, uns, mich, dank der anspruchsvollen Unterhaltungselektronik, noch mehr, tiefer noch in eine biedermeierliche Zeit zurück. Ein schönes Paradoxon. Die grenzenlose Digitalwelt, die Virtualität lässt uns vor dem Radio versammeln, wenn unsere Lieblingssendungen ausgestrahlt werden, wir sitzen gespannt davor und lauschen. Oder wir tanzen zusammen. In Sonntagskleidern schlendern wir virtuell von den Museen der Welt in die Ateliers großer Meister. Ein uns faszinierender Fokus-Abend oder Thementag auf Arte oder 3sat kann bei uns zu einem dementsprechenden Event führen. Gelegentlich nehmen wir auch televisionell an einer noblen Gala teil – und spenden per Telefon. Oft sitzen wir entsprechend gewandet in der Oper auf der Couch und geben zum Grande Finale eine Standing Ovation in der Stube. Wird im Fernsehen ein Bühnenstück gezeigt, putzen wir uns theaterfein raus und laden Freunde in Abendgarderobe zu uns ein. Wir applaudieren auch vom Sofa aus und klatschen vor dem Bildschirm, geben einem geistreichen Kommentar eines Kabarettisten schon mal einen Szeneapplaus vor dem Lautsprecher, seltener hört man Zwischenrufe, aber auch. Telekommunikation bekommt bei uns eine neue Dimension. Wir interagieren so, als wären wir dort, vor Ort; der Flur wird zur Garderobe, die Minibar zum Foyer, das Wohnzimmer zur Loge. Wir umgeben uns ein wenig mit dem Flair der Bühnen, Opern, Konzert- und Tanzsäle, Theater und internationalen Bretter. So genießen unsere medialen Kult(ur)abende im Freundeskreis und hausbackenen Rahmen – spätestens seit den Rocky Horror und Picure Show-Happenings – einen gewissen Ruf, in so manchen Kreisen. In der Nachbarschaft jedoch gelten wir schlicht als verrückt. Für sie ist es normaler, sich mit Freunden in uniformen Trikots der Lieblingsmannschaft, mit Fanschals und Turnhosen in den Landesfarben vor dem TV zu versammeln, Sportgeräusche von sich zu grölen und gemeinsam stark über den Tatort „Fernsehen“ zu wettern.

In diesem Sinne:

Ob Biedermann oder Biedermeier, jeder ist seines Programms eigener Intendant, seines Ohres eigener Chor, seines Orchesters eig’ner Dirigent, seines Reiches selbst Regent, seines Heimes Traute, seines Schlosses Schlüssel.

(als mitternachwort angedacht)

3 thoughts on “fernbedient ¶ Hinterlasse einen Kommentar

  1. Tatort „Fernsehen“ – ich lache immer noch! Wäre gerne mal dabei, an so nem Abendevent, Rocky Horror würde gut passen…^^

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