Briefe aus Sekkopolis ¶

Am heutigen Welttag der Poesie darf man sich auch durchaus einmal an jemanden erinnern, den man gar nicht kannte, doch dessen Schicksal nicht nur die deutsche Literatur veränderte; an einen empfindsamen Zeitgenossen, der heute vor 270 Jahren geboren wurde: Karl Wilhelm Jerusalem.


Goethe soll, so heißt es, sieben Jahre neben ihm hergegangen sein, ohne sich ihm wirklich zu nähern: Karl Wilhelm Jerusalem. Erst trafen sie sich wohl eher zufällig im Vorbeigehen während der Studienzeit in Leipzig, doch Jerusalem mochte diesen Goethe so gar nicht und verkehrte nur flüchtig mit ihm, wegen gemeinsamen Freunden. Seine Beziehungen zu ihm, sowie zu J. Chr. Kestner und F. W. Gotter waren auf gelegentliche Begegnungen oder Beleidigungen beschränkt. Jerusalem bezeichnete Goethe oftmals abschätzig als „Frankfurter Zeitungsschreiber“ und „Geck“, über Gotter urteilte er noch härter. Doch auch sonst war Jerusalem kein Anhänger des zu der Zeit auflebenden Freundschaftsenthusiasmus‘, sondern wohl eher ein Freund der Misanthropen, konnte doch niemand seine empfindsamen Bedürfnisse befriedigen. Schließlich fand er zu dem in seinem Hang zur Melancholie wesensverwandten Chr. A. v. Kielmannsegg ein näheres Verhältnis und in dem späteren Literaturhistoriker J. J. Eschenburg einen Freund, welchem er sich im Briefverkehr stets in selbstquälerischer Stimmung anvertraute; er philosophierte über seine innere Unruhe, die Unzufriedenheit und den philosophischen Skeptizismus, weshalb ihn Eschenburg liebevoll „seinen wunderlichen Freund“ nannte. Auch Lessing zählte zu seinen Freunden und auch Förderern, doch im Gegensatz zu Eschenburg zeigte er sich im persönlichen Verkehr mit Lessing ganz von der entgegengesetzten Seite, aufklärerisch und gar nicht so menschheitsverdrossen, wodurch ihn Lessing als einen „wahren, nachdenkenden, kalten Philosophen“ zu schätzen lernte und die philosophischen Studien Jerusalems direkt und – durch seinen Umgang mit Jerusalem – indirekt förderte. Lessing liebte seine spöttischen Urteile als Jurist und eben gerade auch seine Wahrheitsliebe als Philosoph und Mensch, die ihn immer wieder in Schwierigkeiten brachte.

„Gleichwohl wüsste ich nicht, dass ich einen Menschen in Jahr und Tag lieber gewonnen hätte als ihn. Und dazu lernte ich ihn eigentlich nur von einer Seite kennen… Es war die Neigung zu deutlicher Erkenntnis; das Talent, die Wahrheit bis in ihre letzten Schlupfwinkel zu verfolgen. Es war der Geist der kalten Betrachtung. Aber ein warmer Geist, und so viel schätzbarer; der sich nicht abschrecken ließ, wenn ihm die Wahrheit auf seinen Verfolgungen öfters entwischte.“

– Lessing über Jerusalem

Als Jerusalem in Wetzlar später erneut wegen „Misshelligkeiten mit Vorgesetzten“ erst seine Arbeit verlor, dann aber auch noch sein Ansehen in gesellschaftlichen und adligen Kreisen, begann er – tief gekränkt – die ach so noble Gesellschaft zu verachten und Wetzlar zu hassen, nannte es sogar „Sekkopolis“, die Leidenstadt. Schließlich gipfelt tragisch sein Leben in der Ausweglosigkeit der unerwiderten Liebe zu Elisabeth, der Gattin des Legationssekretärs, welche in ihm den Entschluss reifen ließ, seinem Leben selbst ein Ende zu setzen. Er starb mit 25 Jahren, in der Nacht vom 29. auf den 30. Oktober 1772 an gebrochenem Herzen durch eine Pistolenkugel; auf dem Tisch neben ihm lag Lessings Werk „Emilia Galotti“, aufgeschlagen.

Die Pistole erbat sich Jerusalem von seinem Bekannten J. Chr. Kestner, der danach einen ausführlichen Bericht über die Umstände des Todes Jerusalems schrieb und diesen an einen Frankfurter Zeitungsschreiber sandte, welcher kurz darauf den Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“ veröffentlichte. Eschenburg verfasste ein Trostgedicht für den Vater Jerusalems und Gotter gedachte ihm mit Versen in „Epistel über die Starkgeisterey“, usw. Nur Lessing hegte eine scharfe Ablehnung des „Werther“ und ließ sich nicht vom Wertherfieber der folgenden Jahre anstecken. Verärgert darüber, seinen verstorbenen Freund bei Goethe als „empfindsamen Narren“ dargestellt zu sehen, entschloss sich Lessing schließlich als Protest und in Opposition, die hinterlassenen „Philosophische Aufsätze“ Jerusalems herauszugeben und begleitete sie mit einer Apologie als Vorwort; eben so, wie es ein wahrer Freund tun würde.

In diesem Sinne:

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