Dilettantes Laub im Herbstgeflüster gefallener Blätter.
Eine Novellette als Spätlese. ¶ 

Alte Texte fielen mir in die Hände, alle Texte fielen mir aus den Händen, viele Blätter fielen mir zu Boden, der ganze Stoß wild durcheinander, hier wirr mit roten Schriftzügen, da wieder geordnet-schreibgetippte oder vergilbte Seiten und zerknitterte, angefressene Blätter braun aus Buchen und Staben, mit gekritzeltem Blei und aus Tintengeschrei, Wie aus des Herbstes Füllhorn fielen Blätter mit dem Drucker draufgedruckte Schriften alter Poesie, — sie rostet nie, doch sie bekommt eine Patina, kommt wie der Mond immer wieder aus der Mod, modert modern wie Laub im Spätjahr; ich rieche den Blattgeruch, den Geblätterduft, die Laubluft! Als Kind stürzte ich mich stets gerne in jeden ‚Laubhügel‘ — ich warf mich über den Haufen, warf mich hin in die Arme bunter Blätter, ließ mich regelrecht fallen, landete aufgehäuft, rollte mich darin wie wind, deckte mich zu unterm Blätterdach. Ich erinnere mich an wütende Nachbarn, die mir mit Rechen in den Händen Rache schworen.

Was drinnen ist, sei auch draußen und draußen herrscht Herbststurm, ich lese, lese sie auf, lese die Botschaft der Blätter und Runen alphabetgetrieben, betrachte das Geschriebene, sehe mitunter muntere Worte sowohl dürre klamm, getrübt von jugendlichem Übermut, betrübt über tote Sätze, die längst welk und stinkend faul, als auch voller Leidenschaft und Leichtsinn sind. Ich lese einige Kastanien auf als Perlen eines Her…psssst…s in Dichters Nebel rau und roh wie Schall und Rauch, sowohl herbe Szenen, die nach einer Zugabe, einem Martini-Sommer verlangen, manche unreif wie Herblinge später Blüte, auch verblichene Blüten, die weit verzweigt vom Stamm abgefallen, froh sind, als Abfall vom Ast verstoßen worden zu sein, seit vielen Wintern erkaltet. Reine Herbstluft zwischen uns; Textgefühle wie des Weines Todessüße, voller Staub, morsch, murks und kork taub wie dilettantes Laub. Sie liegen liebend neben angespornten Versen der Wanderlust, über Lyrik und unter ihresgleichen, gesittet zwischen rhythmischen Sonetten und prosaischen Noveletten.

Wie gerne wühle ich darin, in meinem Blätterwald am Boden, schüttele das Bäumelein bis die Blätter purzeln, darunter viele Pilze wurzeln, darüber viele Früchte sprießen und darüberhinaus die Samen meiner Blumen schießen; sie lassen Nektar fließen, tragen Saaten eines Gedanken Vaters, von dessen Stamm ich pflückte ein Gedicht, Schicht um Schicht wie beim Zwiebeln, ich herbste wie Trauben meine Lese, ernte meine Reden wie Äpfel der vergangenen Jahrzehnte, bündele und büschele sie, werfe sie dann auf, über mich, drüber hinüber, als ihr Jäger hasche ich nach ihnen, Momijigari, es regnet wie beim Indian Summer, es fallen die Blätter, die losen, auf mich drauf, es nieseln die Aphorismen, es rieselt Alphabetismen und ich wälze mich am Boden wie auf Drogen, wie als Kind, umarme das Blattwerk, blättere meine Schreibe um, treibe sie umher, um mich herum, belaube mich mit meinem Geblätter als umher-herum-raschelnder Sturm, der sich windet, sie wirbelt und mischelt, durchmischend die ehemaligen Mären, all die ‚es war einmal‘ alten Märchen von hübschen Mädchen, Geschichten von früher, von vor zehn, zig oder dreißig Jahren, von nebenan, nebenher und vorhin, all die Erzählungen aus Zeiten des Frühlings. Einer Zeitreise gleichen die Stories einst erblühter Liebeszeilen, Knospen ferner Rezeptionen in Zonen erotischer Formen, Formulierungen mit jambischem Ausdruck und Stil in voller Blüte Pracht, schmutzgüldene Balladen und angenebelte Nostalgie mit schier fremden Wörtern, exotischem Wortlaut, aus meinem Munde durch die Feder zu Papier gebrachte Manuskripte blank, liegengebliebene Schriften festgehalten, niedergeschriebene Literaturen freigelassen, offen-eingerannte Lektüren, mit metrischem Druck auf Blätter gedrückt, niedergedrückte Lettern aus der Ragga-raggamaschine, buchstäblich zu Papier gehackt…

All das Herbstgeblätter, Stück für Schriftstück fege ich nun zusammen, Skizzen wie Notizen, Blättchen für Blatt, platt wie ich, der sie alle fallen ließ, immer wieder aufliest und liest, die durchfärbten Schätze von dazumal als ich noch Spoken Word schrieb, Social Beat hieß dies damals, ganz Gonzo in einem Guss, ohne Anfang ohne Schluss, Punk ohne punkt oder komma bis zum Koma aufs Blatt geschmissen wie Slam „So what?“ Poetry aus tempi passati; ich blase dies Laub laut, harke diese Blätter, das impulsive Getippse, das Geschreibsel expresser Impressionen und Symbole zusammen, wische heuer allen Zunder auf, kehre das Gelaubte in den Kehricht, stopfe Gedichtetes dicht pferchend, stelle den Sack neben den Kamin und hoffe, der Winter wird nicht zu kalt; es gäbe kein schönes Feuer.

¶In diesem Sinne sichert mir allein zu wissen, all dies bereits zu Sprache gebracht, zu Blatte gemacht zu haben, die Wärme durch den Winter, versichert mir den Status eines nackten Baumes, der nicht friert. Künstlerl eben.

4 Kommentare

    1. Der Dynamik Drive, des Sturmes Strom, der Wind in geschwind!^^ – Danke Dir für diese Einschätzung und den Kommentar; freut mich, dass es Dir gefällt, ebenso, von Dir zu lesen, Lula.

    1. Jedes Wort von Dir ist Gold wert, wenn man weiß, wie selten Du sprichst!^^ – Mein lieber Freund, Peter Pesche Pek Perido; danke Dir fürs Vorbeilesen, freut mich sehr.
      Auf bald!

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