Zuerst: Das Buch ist ein Feigling. Ein durchtriebener Feigling wohlgemerkt — einer, der seine Geschichten so tief ineinander verschachtelt, dass man fast glauben könnte, er schäme sich ihrer. Das Buch als Memme verbirgt seine eigene Historie nicht bloß zwischen zwei harten Deckeln, sondern auch zwischen den Seiten, zuweilen dann noch zwischen den Zeilen, sogar in Zwischenräumen gebundener Reden und auf Seiten, die kein Sterbenswörtchen verraten. Es schützt und tarnt sich mit einem Cover, doch verbittet sich, danach beurteilt zu werden, setzt es doch auf innere Werte, betroffen. Es schrei(b)t seine Botschaft nicht plakativ in grossen Lettern auf den Umschlag, seine G’scheitheit nicht in den Klappentext und die Moral von seiner G’schicht kommt auf die erste Seite nicht.

Also gibt es sich erst verschlossen, dann versteckt es sich offen hinter Andeutungen und lässt dich im Unklaren, was wirklich geschehen, gemeint oder wahr ist. Es beansprucht Nerven, Geduld und den unbedingten Willen, seine Geheimnisse zu entschlüsseln. – Spoiler: Eines davon ist immer seine absolute Treue seinem Schöpfer gegenüber, so dringt und drängt es dich in eine offene Dreiecksbeziehung und zu hemmungsloser Perspektivenwechslerei. Dabei ist es bemüht, sich wie in Mieder gebunden stets adrett zurückhaltend und scheu zu zeigen. Derweil flüsterts nur leise Hinweise, die du erst nach und nach verstehen kannst — und tut dann so, als wäre dies ein Zeichen von Tiefe und nicht von mangelnder Courage, sich selbst zu zeigen. Stattdessen manipuliert es dich dahingehend, vermeintlich eigene Schlüsse zu ziehen, zwingt dir dennoch still und wortvoll stumm auch die eigene Sichtweise seines Diktators auf, ohne jemals zuzugeben, dass es das tut. Denn es zeigt sich dir erst dann in voller Pracht, wenn du dazu bereit, geduldig mit ihm bist, ihm die Aufmerksamkeit schenkst, die es fordert. Es gebietet eine tiefe Auseinandersetzung mit sich, dem Selbst und diesem Anderen, ein behutsames Entwirren seiner unterschwelligen Botschaften, ein Dechiffrieren psychosexueller Hieroglyphen, als auch ein gewisses attrahierendes Verlangen oder vorsichtiges Herantasten an das, was es wirklich sagen will, aber niemals laut sagen würde.

Doch: So unschuldig, wie es anfangs tut, ist es nicht, dein Büchlein … Schließlich hat es öffentlich mitten im Buchhandel mit dir geflirtet und du hast dich bezirzen lassen, dich vielleicht Aug über Kopf verknallt, hast wohl sogar für ein Vergnügen mit ihm bezahlt, es jedenfalls zu dir mit nach Hause genommen… Weil es insgeheim nämlich dasselbe will wie du: Richtig verstanden werden, wenn es sich dir schon öffnet – und gehalten werden von deinen starken Händen, von deinen gierigen Blicken beäugt, sowie von deinem sexy intellect von vorne bis hinten durchgelesen werden, von deinen abgeleckten Fingerspitzen immer wieder umgeblättert, seitenlang ausgekostet, Satz um Satz aufgesogen, voller liebkosender Lesart so richtig interpretiert werden. Und wenn du es schließlich zuschlägst — nicht grob, sondern entschieden —, dann seufzt es ebenso leise in sich hinein, nicht aus Schmerz, sondern bereits aus Sehnsucht. Es lässt dich befriedigt allein mit Neugier zurück und voller Vorfreude auf ein nächstes — oder eben dann ein anderes Lese-Abenteuer.

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Herzlichst, ein Buchliebhaber

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  1. Avatar von Ja, Leginda
    Ja, Leginda

    Amüsant und abenteuerlich zu lesen – es ist ein Vergnügen!

    1. Avatar von WortArt

      — Ein Vergnügen meinerseits!

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