Die liegengebliebene Post kann ruhig noch ein wenig weiter liegen bleiben, erstmal das Vogelhäuschen füttern. Umsehen, was die Wildnis im Garten geschaffen hat. Die neuen Vögelchen in den alten Nestern sehen mich zum ersten Mal. Ein Fisch hat meine Abwesenheit nicht überlebt; naja, er schien mir schon immer ein Nihilist zu sein. Apropos: ich sollte meine Nächsten anrufen, auf dass ich wieder im Land, im Revier, hier in der Wohnstatt sei. Das dauert aber den ganzen Tag; also morgen erst! Vorerst das grosse Daheimsein im Kleinen feiern. Schlicht in meinem Wohnsitz sitzen, auf gepolsterten Sesselflächen in verschiedenen Höhen, vom Barhocker hoch zum Couchhocker nieder, oh, schon bloß eine Couch allein! –
Lange war ich weg, fern von meiner Bleibe, weitab von Intimsphäre und Privatraum. Nun bin ich tatsächlich noch einmal aus den Krankenhaus entlassen worden – hoffentlich zum letzten Mal – und bin wieder, immer noch hier, still standing. Das ergreift mich still stehend in aller Demut; so trete ich auch ein in mein Haus wie ein willkommener Gast, der jedes Wohnaccessoire beäugt und staunt über das scheinbar Fremd- und anscheinend Neuartige, doch der Geruch besinnt mich zurück, die Details meines Wohnstils hatte ich beinahe total vergessen. Fremdenscheu unterm eigenen Dach. Innehalten im Sein. Kontemplatives Betrachten meiner Selbst als meine Wohnung. Sie hat sich nicht verändert. Stillstand. Ich aber schon. Diskrepanz. Darin schauen, worin man wohnt. Erfassen, was mir als Zuhause gilt oder galt, als ich noch hier hauste. Mein persönliches Stillleben. Selbstreflexion wie Projektion. In der Schreibmaschine klemmt noch ein Stück Papier, vergilbt ein unvollendetes Gedicht, ich tippe einmal, es stäubt auf. Meine Erinnerung ähnlich dem Staub, der sich niederlegt auf jedwedes Souvenir, gleich einem traumhaften Nebel, der aus dem Kellergeschoss steigt zum Dachstock rauf und sich sanft legt über das ganze Haus, vom Giebel bis zum Gartenzaun. Es bröckelt, von mir ab und auf mich ein, es rieselt mir, nachdem es aufstob wie dunkler Neuschnee. Immer wieder entdecke ich anscheinend Neues, doch das Darandenken lässt wieder aufleben, was ich schon kenne. Als ob die Dinge ihren Glanz verlieren, wenn sie nicht mehr beachtet werden, wie sie dann verschwimmen und welken wie im Koma liegen. Und andere Dinge befeuern ihre Kraft im Ungesehenen, hüten sich vor zuviel Blicken, sich ihre Unschuld zu bewahren, stoisch und erst lebendig, wenn man sie erkennt, oder sie dich erkannt haben. Wie sie sich freuen, mich wieder zu sehen, von mir wahrgenommen zu werden. Die tägliche Pflege der Gegenstände wie Pflanzen hegen, ihre Psychometrie hüten. Sachen, die sich mir kalt entziehen, sich von mir abwenden; Dinge, die mir nur gehören, vergehen; sie alle werden hausgeputzt. doch andere Dinge, die zu mir gehören, die bleiben; sie werden rausgeputzt; Sachen, die sich beherzt auf mich stürzen, sich mir zuwenden. Ich bleibe mir sagend, hier bleiben zu dürfen, leben ohne verlegt zu werden und Gäste empfangen, nicht selbst einer sein, auch ausserhalb der Besuchszeiten, ich darf wohnen wie ichs früher einmal tat, in verschiedenen Räumen mit anderen Stimmungen, mit Musik und Kleidung in kunteren Farben oder dezent konzentriert; endlich bunter als sterilweiss, blutrot und operationsgrün.
– Unübertrefflich sind jedoch das persönliche Badezimmer, mit Wanne, für mich allein und nebenan, auf Kniehöhe mein Bett, in das ich mich neben dem noch nicht ausgepackten Koffer, vor Erstaunen und Reizeinflüssen erschöpft, fallen lasse. Ein Gefühl von Einssein überflutet in endlicher Freiheit lässt mich dem lieben Gott danken, dass er das Leben einfach macht. Einfach macht. Ankommen im Schlaf, in den eigenen Gewändern. Ankunft beim Erwachen, in den eigenen vier Wänden.
#Epilog:
Ein Daheim zu haben bedeutet so viel mehr als nur Zuhause zu sein, weil auch ein Keller unter den Füssen mehr wert ist als nur ein Dach über dem Kopf.



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